Wie aus dem Nichts? Was wir aus Gendefekten lernen könnten

Seit gestern wird auf FB eine sehr lesenswerte Präsentation geteilt, die kürzlich als Vortrag auf dem 1. Greyhound World Congress in Oslo gehalten wurde.
Man könnte jetzt einfach ein Like setzen und den Beitrag teilen, vielleicht noch die Aufforderung „Lesenswert!“ dazupacken und weiter zum Tagesgeschäft übergehen.
Aus Erfahrung weiß ich aber, dass das leider nicht unbedingt den gewünschten Effekt hat – nämlich mit dem Inhalt auch die zu erreichen, die es nötig hätten. Es ist natürlich fraglich, ob das hiermit besser funktioniert, aber weil ich das Thema so wichtig finde und weil steter Tropfen bekanntlich selbst die härtesten Steine irgendwann höhlt, möchte ich die Gelegenheit nutzen und einige der darin erwähnten Aspekte wieder einmal aufgreifen.

Der Vortrag lief unter der Überschrift
Greyhound Neuropathy – what lessons to learn?
und kann mit einem Klick auf den Link im Beitrag heruntergeladen werden. (Macht das, jetzt! 😉 )

Erbliche Neuropathie beim Greyhound – schon wieder so Greyhound-Kram, sollte das Whippetleute überhaupt interessieren?
Ja, sehr sogar. Dieser Vortrag sollte für alle Hundezüchter und für gut informierte Welpenkäufer interessant sein!
Nebenbei bemerkt ist er auch gut aufgebaut und gut verständlich, einzig die Sprache könnte ein Hemmnis darstellen.
Schön wäre außerdem, wenn tatsächlich etwas gelernt und vor allem angewandt werden würde…
Zur Vortragenden: Dr.med.vet. Barbara Kessler ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Department für Molekulare Tierzucht und Biotechnologie der LMU München, darüber hinaus Greyhoundzüchterin und beteiligt an der Forschung zur Polyneuroptahie beim Greyhound. Genaueres zur Polyneuropathie des Greyhounds und zur Entdeckung der verantwortlichen Genregion findet man übrigens hier: A Deletion in the N-Myc Downstream Regulated Gene 1 (NDRG1) Gene in Greyhounds with Polyneuropathy

Es handelt sich bei dieser Präsentation also um fundiertes Wissen, ernstzunehmende Informationen und Ansätze 😉

Da die Hereditäre Polyneuropathie als Aufhänger dient, kurz ein paar Worte dazu: Die erbliche Polyneuropathie beim Greyhound ist eine neurodegenerative Erkrankung mit  autosomal rezessivem Erbgang, die bereits in einem jungen Alter (etwa ab 3 Monaten) auftritt und unweigerlich zum Tod führt, meist noch im 1., spätestens aber im Laufe des 2. Lebensjahres. Bedingt durch Veränderungen an den Nervenfasern kommt es zu verschiedenen Symptomen, die anfangs vor allem das Gangbild betreffen, es gesellen sich jedoch rasch weitere neurologische Auffälligkeiten hinzu, die Muskeln atrophieren, der Hund hat Probleme beim Schlucken, Bellen usw.
Unter „Gesundheit“ kann man hier mehr dazu auf Deutsch lesen: Rumford Greyhounds

Durch den 2009 entwickelten Gentest lassen sich jedoch Würfe mit erkrankten Welpen verhindern, sodass bei verantwortungsvollem Umgang mit der Mutation heute kein Greyhound mehr daran sterben muss. Bei einem Anteil von etwa 25% Trägern (1 von 4 Hunden) in der Population war das auch dringend notwendig.
Was jedoch nicht notwendig ist, und da gibt es immer wieder Verständnisprobleme, ist ein vollkommener Ausschluss von Trägern aus der Zucht. In diesem Fall wäre das eine Katastrophe gewesen, eine enorme Einschränkung des Genpools mit unabsehbaren Folgen für die Gesundheit der Hunde. Aber auch bei weniger verbreiteten Mutationen kann ein vollständiger Ausschluss von Trägern zum Auftreten neuer Erkrankungen führen, denn ich reduziere damit immer die durch geschlossene Zuchtbücher ohnehin geringe Diversität innerhalb einer Rasse.
An dieser Stelle möchte ich auf diesen Artikel verweisen, in dem ich kurz versucht habe, auf ein paar Grundlagen und die Wichtigkeit genetischer Diversität einzugehen.
Beim Thema Kryptorchismus kommt die Frage nach einem züchterischen Einsatz von Eltern und Geschwistern immer wieder auf und wie hier bereits ausgeführt: Es ist nicht sinnvoll, potentielle Träger auszuschließen, erst recht nicht bei komplexen Erbgängen mit möglicher Umweltbeteiligung.
Rund 70% der genetisch bedingten Gesundheitsprobleme beim Rassehund sollen durch rezessive Mutationen ausgelöst werden (Quelle: ICB), wir stünden also direkt vor dem Aus, würden wir hier allzu rigoros vorgehen.

Prinzipiell ist der Greyhound nicht die einzige betroffene Rasse, die ursächlichen Mutationen betreffen jedoch unterschiedliche Gene, sodass man nicht einfach „einen Test für alle“ anwenden kann. Es zeigte sich im Rahmen der Forschung auch, dass diese spezielle Mutation nur in Showlinien auftrat, nicht in den untersuchten Rennlinien und nicht in anderen untersuchten Windhundrassen.
Und ab hier kann man nun auch als Whippetmensch bzw. generell als Hundemensch etwas lernen.
Denn wie kommt es zu so einer Verteilung und warum war dieser bereits bei Junghunden auftretende und tödliche Defekt überhaupt so weit verbreitet?
Statt der Neuropathie lässt sich eine beliebige andere Mutation mit rezessivem Erbgang einsetzen, z.B. die Myostatin-Mutation bei den Whippets, die nur in Rennlinien vorkommt (um das Fingerzeigen auf die Showhundezucht gleich mal zu unterbinden), MDR1 bei Hütehunden und deren Verwandtschaft und was es leider noch so alles gibt.

Zwei Hauptursachen für die Verbreitung werden in diesem Vortrag genannt:
Die Matadorzucht (bekannt auch der Begriff Popular-Sire-Effekt) und die massive Inzucht zur Produktion immer einheitlicherer Greyhounds mit den gewünschten optischen Merkmalen.
Dass Inzucht nicht gesund ist und Matadorzucht schädliche Effekte mit sich bringt, ist nicht neu. Inzuchttabus gibt es in jeder Gesellschaft und so gut wie alle Tiere und Pflanzen versuchen durch zahlreiche Mechanismen, anatomische bzw. reproduktive Besonderheiten und Verhaltensweisen Inzucht zu vermeiden.
Das wissen wir doch eigentlich alle, oder sollten es zumindest wissen.
Die Geschichte vom Malzhund, die die Genetikerin Irene Sommerfeld-Stur übersetzt und auf ihrer Homepage zur Verfügung gestellt hat, ist ebenfalls bereits seit 20 Jahren im Umlauf.
Aber es ist viel zu vielen Menschen egal, denn entweder hatten sie bisher Glück und mussten noch keine negativen Folgen dieser Zuchtpraktiken erleben, oder aber, was sehr viel wahrscheinlicher ist, sie führen es nicht darauf zurück.
Als dritte Möglichkeit ist eine gewisse „Wurschtigkeit“ anzuführen, nicht für jeden hat ein Hund den selben Stellenwert und man kann über das produzierte Leid hinwegsehen, wenn dafür Show- oder Sporterfolge winken.

Das hohe Inzuchtniveau innerhalb der Showgreyhoundpopulation rührt daher, dass es sich um eine eher seltene Rasse handelt (auf mich wirkt es momentan jedoch, als gäbe es eine Tendenz nach oben, denn noch sind Erfolge mit einer so glamourösen und showigen Minderrasse leicht zu holen), die noch dazu schon seit Jahrzehnten quasi nicht mehr mit der riesigen Rennhundpopulation vermischt wurde. Entsprechende Analysen zeigen das ja auch, genetisch sind die beiden Populationen so weit voneinander entfernt, dass man sie als unterschiedliche Rassen werten könnte.
Auch sind die Folgen der Inzucht schon ein wenig ein Problem der reinen Showhundezucht, denn einheitliche Optik erzielt man am schnellsten und effektivsten eben durch Inzucht. Zusätzlich müssen Showhunde in der Regel nicht mehr hart arbeiten und Leistung erbringen, also erfolgt auch keine Selektion auf hohe Widerstandskraft und Belastbarkeit. Verschiedene Untersuchungen am Labrador Retriever und an diversen anderen Rassen zeigten, dass Hunde aus Leistungslinien eine höhere genetische Diversität aufweisen.

Aber zurück zur Hereditären Neuropathie und all den anderen Defektgenen.
Mitte des vergangenen Jahrhunderts wurde also ein Rüde geboren, der diese zufällige Mutation trug. Es war offensichtlich ein beeindruckender Ausnahmerüde und er wurde gerne zur Zucht verwendet, hatte also entsprechend viele Nachkommen. Da es insgesamt nur wenige Showgreyhounds gab und davon noch weniger in der Zucht eingesetzt wurden, darüber hinaus die Inzucht/Linienzucht die Zuchtpraxis der Wahl war und ist, verbreitete sich diese Mutation rasant.
Ein mutiertes Allel zu tragen ist für den Hund kein Nachteil, das „gesunde“ Allel sorgt schon dafür, dass im Körper alles richtig läuft. Blöderweise sieht so aber auch niemand, dass hier etwas im Verborgenen schlummert. Das wird erst offensichtlich, wenn Welpen mit zwei mutierten Allelen geboren werden, die Krankheitssymptome zeigen. Und auch dann wird in der Regel erst mal abgewartet, ob sich Fälle häufen.
Es ist manchmal also schon 5 vor 12, bevor entsprechende Handlungen gesetzt werden.

Diesen Effekt haben wir in so vielen Rassen mit den verschiedensten Defekten, auch beim Whippet. Beim Whippet sind es eben andere Gesundheitsprobleme, am stärksten auf dem Vormarsch sind wohl autoimmunbedingte Erkrankungen mit allen Facetten und mit nicht weniger drastischen Auswirkungen (übrigens kurz erwähnt im Vortrag).
Anhand betroffener Hunde und deren Pedigrees lässt sich bei manchen Erkrankungen sehr leicht ein potentieller Vererber finden, dazu muss man als Züchter jedoch aufmerksam und in der Lage sein, Verknüpfungen herzustellen. Und es braucht Gleichgesinnte, die sich an der Suche nach Informationen beteiligen.
Bei der Myostatin-Mutation lag der Grund für die Verbreitung womöglich darin, dass Träger der Mutation leistungsfähiger sind als andere. Man wusste anfangs natürlich nicht, dass die Hunde eine Mutation tragen, insofern kann man keine bösen Absichten unterstellen.
Dass MDR1 und CEA beim Silken Windsprite vorkommen und dort auch viele Tiere Träger oder Betroffene waren, liegt daran, dass in einer neuen Rasse zwangsweise sehr viel Inzucht bzw. Inzest betrieben wird, um Merkmale zu festigen. Nur festigt man eben nie nur das, was man sieht, sondern auch das, was noch verborgen ist. Und 50 Jahre später knabbert man noch immer daran.
Beim Dobermann gibt es seit Jahren das Problem mit der DCM (50-60% der Hunde sind betroffen und sterben daran) und der Zuchtverband negiert es, in verschiedenen Retrieverrassen grassieren unterschiedliche Krebsarten und sorgen für den frühen Tod halber bis ganzer Würfe und Basenjis gingen am Fanconi-Syndrom fast zugrunde, bevor man mit Importen eine Rettungsmission startete. Die Liste lässt sich für jede einzelne Rasse erweitern.
Die Ursachen sind immer identisch, denn es liegt nicht an einzelnen Hunden, es liegt an den Zuchtpraktiken.

Zu sagen, der Whippet wäre eine gesunde Rasse, ist also ziemlich naiv.
Wir Whippetleute sind auf dem besten Weg, in die selbe Falle zu tappen wie die Greyhoundleute: Wir trennen immer mehr die Show- und Rennlinien voneinander, nutzen auf beiden Seiten einzelne Rüden übermäßig oft, achten viel zu wenig auf kleine Warnzeichen, nutzen noch zu selten die Möglichkeiten von Gesundheitsuntersuchungen und Genanalysen und stellen Showerfolge und Millisekunden vor alles andere.

Gelernt haben auch „wir“ bisher noch nichts, das ist das negative Fazit, das man allerdings für viele (alle?) Rassen ziehen kann.
Zu oft heißt es noch, „das“ betrifft „uns“ nicht, leider sogar häufig „das“ betrifft „mich“ nicht.
Ich empfinde das Beispiel der Polyneuropathie beim Greyhound als recht eindrücklich geschildert und gut nachvollziehbar.

Folgendes positives Fazit könnte man ziehen: Wir wissen mittlerweile, dass die gewohnten Zuchtpraktiken ganz konkret Leben kosten. Wenn nicht unmittelbar, dann auf mittel- oder langfristige Sicht. Daher sollten wir sie nicht mehr unreflektiert anwenden.
Wir können mittlerweile auf zahlreiche Defektgene testen und die Forschung schreitet rasch voran. Einzig den richtigen Umgang mit Findings und Trägern muss man lernen.
Wir können genomische Inzuchtkoeffizienten ermitteln lassen und darauf bei unseren Verpaarungen achten. Das ist einfach, da bleibt nicht viel Interpretationsspielraum.
Wir können mithilfe moderner Methoden auf die genetische Vielfalt achten, sei es generell oder ganz speziell im Bezug auf die für das Immunsystem relevanten DLA-Haplotypen. Auch das liefert eindeutige Handlungsempfehlungen.
Wir können Diversität auch auf die „alte“ Art und Weise fördern, indem wir Show- und Leistungslinien wieder durchmischen, alte Linien nutzen und uns nicht von Menschen beeinflussen lassen, die das als Nonsens abtun und Hunde aus solchen Verpaarungen als „weder Fisch noch Fleisch“ bezeichnen. (Kleiner Hinweis am Rande: Die Kritiker haben meistens Unrecht, was sie wüssten, würden sie über den Tellerrand schauen 😉 )
Wir könnten also die Hunde in den Vordergrund stellen und es würde uns nichts kosten, außer ein bisschen Mut, in anderen Bahnen zu denken.
Ok, und vielleicht ein paar Euro. Ein Test auf über 170 monogene Erkrankungen und die individuelle genetische Diversität ist bereits ab 99,- zu haben…

Bitte schaut euch also diese Präsentation an, besucht oder organisiert gar Vorträge, lest auf den vielen Seiten von Leuten wie Irene Sommerfeld-Stur (oder kauft ihr Buch) oder eben auch The Greyhound Show (die immer wieder interessante Artikel online stellen), dem Institute of Canine Biology usw., nutzt entsprechende Gruppen und fragt, wenn ihr etwas nicht versteht. Wissen ist dazu da, geteilt und angewandt zu werden. Wer sich mit diesen Themen beschäftigt, tut das im Regelfall erst mal aus purem Idealismus und nicht, weil er sich über andere stellen will. In der Hoffnung, dass eben doch der eine oder andere etwas lernt.

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Suprelorin – mehr als nur ein „Kastrationschip“

Da ich immer wieder zu den Einsatzbereichen von Suprelorin befragt wurde und es neulich Thema einer Züchterschulung war, möchte ich dem Wunsch nach einem kurzen Beitrag heute gerne nachkommen.

Die chemische Kastration hat in der Tiermedizin bereits eine lange Tradition.
Vor 30 Jahren ließ mein Vater unseren Malamuterüden mit einer „Kastrationsspritze“ vorübergehend unfruchtbar machen, das Ergebnis könnt ihr hier bewundern:

Mein Vater stieg daraufhin auf die Sterilisation des Rüden (Vasektomie) um, eine noch ältere, effektivere und nebenwirkungsärmere Form der Unfruchtbarmachung 😉

Die alten „Hormonspritzen“ sind künstliche Geschlechtshormone, die die Rezeptoren blockieren bzw. die Wirkung der körpereigenen Geschlechtshormone aufzuheben versuchen. Die Ausdrücke „Läufigkeit wegspritzen“ oder „Pille“ und „3-Monats-Spritze“ für die Hündin sind ebenso geläufig und Hormonspritzen wirken, indem die Läufigkeit oder der Eisprung unterdrückt werden.
Mit Suprelorin haben diese Hormonspritzen jedoch nichts zu tun und das ist wichtig zu erwähnen, denn mit Recht sind diese Methoden als unsicher und nebenwirkungsreich (Tumore, Zystenbildungen, Gebärmutterentzündungen usw.) verschrien.

Das Suprelorin-Implantat mit dem Wirkstoff Deslorelin wird häufig als Kastrationschip für Rüden bezeichnet und die Art der Applikation erinnert auch an den Chip, den mittlerweile ja alle unsere Hunde tragen sollten.
Man setzt das weiße, längliche und 1,2cm bzw. 2,4cm große Implantat nämlich mit einer scharfen Kanüle unter die Haut des Hundes, und zwar zwischen die Schulterblätter, wo es über Monate bis Jahre hinweg seinen Wirkstoff abgibt und sich irgendwann auflöst. Also meistens.
Der etwas kleinere Transponder/Chip aus Glas zur Identifikation des Hundes wird auf die selbe Art links oder rechts am Hals platziert und macht dort gar nichts, außer manchmal zu wandern.
Das Suprelorin-Implantat kann dagegen sogar noch mehr, als nur einen Rüden unfruchtbar zu machen und den Testosteronspiegel zu senken, ihn also chemisch zu kastrieren.
Deshalb ist die Bezeichnung „Kastrationschip“ für mich nicht wirklich stimmig und ich werde den Begriff „Implantat“ verwenden, es meint aber das selbe Produkt.

Vergleich Chip und Implantat
Vergleich Chip und Implantat

Zuerst möchte ich kurz erklären, wie Deslorelin wirkt, damit ihr die Anwendungsmöglichkeiten auch nachvollziehen könnt:

Deslorelin ist ein GnRH-Analogon bzw. GnRH-Agonist, das heißt, es ist eine künstliche Form des Hormons GnRH und wirkt im Körper wie dieses, allerdings ca. 150-fach stärker als natürliches GnRH!
GnRH ist ausgeschrieben noch viel umständlicher auszusprechen, nämlich gonadotropin releasing hormone, und wichtig ist eigentlich nur zu wissen, was der Name aussagt: GnRH wirkt im Gehirn, indem es die Hypophyse (eben eine Hormondrüse) anregt, die Hormone FSH und LH auszuschütten. FSH (Follikelstimulierendes Hormon) und LH (Luteinisierendes Hormon) regulieren die Produktion von Eizellen (eben Follikeln) und Spermien und die der Geschlechtshormone Östrogen und Testosteron.

Und damit sind wir auch schon bei einem Knackpunkt: Deslorelin wirkt bei beiden Geschlechtern!

Der Rest ist schnell erklärt:
Durch einen Überschuss an künstlichem GnRH reduzieren sich die Rezeptoren für GnRH in den dafür empfänglichen Zellen und es wird weniger FSH und LH produziert, demnach eben auch weniger Sexualhormone. Der Rüde produziert keine Samen, die Hündin hat keinen Zyklus mehr. Man nennt das GnRH-(Rezeptor-)Downregulation, also ein „Herunterschrauben“ der GnRH-Rezeptoren und GnRH-Produktion. Es kommt zur Suppression der Hypophysen-Gonaden-Achse, was auf gut Deutsch die Unterdrückung des Regelkreises zwischen Hypophyse und Gonaden (das sind die Keimdrüsen, Eierstöcke und Hoden) meint.
Davor kommt es allerdings zu einem extremen Anstieg der Sexualhormone, da ja erst mal viel neues GnRH im Körper zirkuliert und viel FSH und LH freigesetzt wird. Dieser Peak findet in den ersten 4-6 Wochen nach dem Setzen des Implantats statt und nachdem ich ihn vor bald 8 Jahren selbst bei einem Rüden getestet habe, kann ich bestätigen: Hypersexualität tritt auf 😉
Wie dieser Mechanismus bei Hündinnen genutzt wird, beschreibe ich weiter unten.
Je nach Wirkstoffmenge und Größe des Hundes (plus anderer, individueller Faktoren) wirkt das Implantat 6-12 Monate oder sehr viel länger!
Ist der Wirkstoff aufgebraucht, läuft die körpereigene Hormonproduktion wieder an, die Hunde werden im Regelfall wieder normal fruchtbar.
Wie bereits erwähnt, löst sich das Implantat theoretisch vollständig auf, was aber bei manchen Hunden sehr lange dauern kann. Länger, als die Wirkung anhält.

Die aktuelle Zulassung bezieht sich zwar auf den Einsatz bei Rüden, Katern und männlichen Frettchen, doch die Anwendung bei weiblichen Tieren ist dennoch möglich und seit Jahren auch üblich. Neben Heimtieren werden auch Zootiere oft hormonell ruhiggestellt, um Gruppenhaltung zu erleichtern und dennoch zu einem späteren Zeitpunkt wieder auf „das Genmaterial“ zugreifen zu können. Sogar Hühner werden damit behandelt, sie hören dann auf, Eier zu legen.
Beim Menschen werden GnRH-Analoga hauptsächlich bei der Frau eingesetzt, es ist also ein wirklich gut untersuchter Mechanismus, der der Anwendung von Suprelorin zugrunde liegt und er ist bedenkenlos auch bei der Hündin möglich, insofern man generell keine Bedenken hat.
Dass ein Produkt vor allem in der Tiermedizin nicht immer für jede mögliche und sinnvolle Anwendung zugelassen ist, hat auch den Grund, dass so ein Zulassungsverfahren aufwendig und teuer ist. Die Anwendung ohne Zulassung nennt man Off-Label Use und ich bin mir ziemlich sicher, dass auch die allermeisten von euch schon Medikamente off-label bekommen oder verabreicht haben. Mir fallen für mich zumindest auf Anhieb eine ganze Reihe ein. Daran ist also nichts schlimm oder verwerflich und ich wiederhole: Suprelorin kann bei beiden Geschlechtern zur Anwendung kommen und es ist so sicher (sprich nebenwirkungsarm oder nebenwirkungsreich), wie eine chemische Kastration eben sicher sein kann.

Wozu kann man Suprelorin nun nutzen?

1. Zur vorübergehenden Unfruchtbarmachung von Rüde oder Hündin, wobei man bei der Hündin den Zeitpunkt des Setzens beachten muss, um keine Läufigkeit auszulösen (Implantation im Metöstrus!).
Die Wirkung hält bei Rüden oft deutlich länger als 12 Monate an, bei Hündinnen kann sich eine Läufigkeit um bis zu 27 Monate verschieben.
Vorsicht ist geboten, wenn die Hündin bereits Zysten an den Eierstöcken hat. Durch die hormonelle Stimulation kann es zum Anwachsen der Zysten, in Folge auch zu Dauerläufigkeiten und zu einer Gebärmutterentzündung/Pyometra kommen, die ja eigentlich hormonell bedingt und nicht, wie manchmal angenommen wird, auf eine Infektion zurückzuführen ist. Zysten treten vor allem bei älteren Hündinnen auf, aber manchmal auch bei jungen, was vorher abgeklärt werden sollte.

2. Zur Induktion einer Läufigkeit bei der Hündin.
Durch die anfänglich verstärkte Freisetzung von FSH und LH kommt es beim Setzen des Chips im Anöstrus zu einer vorgezogenen Läufigkeit mit Eisprung, das heißt, die Hündin kann gedeckt werden und ist fruchtbar. Danach muss jedoch das Implantat wieder entfernt werden, denn sonst tritt ja die negative Rückkopplung ein. Auch hier gilt der Hinweis zu Zysten, Dauerläufigkeiten und Pyometra. Anders herum kann bei einer hormonell ruhiggestellten Hündin durch die Entfernung des Implantats eine Läufigkeit induziert werden und der Deckakt kann terminlich gut passend durchgeführt werden.

3. Zur Verschiebung der Pubertät und damit der Geschlechtsreife.
Dazu muss das Implantat sicherheitshalber bereits im Alter von 4 Monaten gesetzt werden, da es sonst uU eine verfrühte Pubertät/Läufigkeit auslöst. Das hat jedoch weitreichende Konsequenzen für die körperliche und geistige Entwicklung des jungen Hundes, einige davon sind nicht wieder aufzuholen oder zu reparieren. Theoretisch ist es jedoch möglich, eine junge Hündin mit 4 Monaten mit Suprelorin zu behandeln und wenn die Wirkung des Implantats nachlässt, bekommt sie ihre erste Läufigkeit bereits in einem Alter, indem man sie laut Zuchtverband decken lassen darf.

4. Bei Prostatavergrößerungen und gutartigen Prostataveränderungen beim Rüden.

5. Zur Verbesserung der Samenqualität beim Rüden, nach einem „Reset“ kann diese besser sein als vorher.

6. Als „Kastration auf Probe“, um zu testen, ob gewünschte oder unerwünschte Wirkungen eintreten.

7. Zur Behandlung von kastrationsbedingter Inkontinenz, Fellveränderungen, Wesensveränderungen und ggf. anderer Nebenwirkungen der Kastration.
Das ist nur auf den ersten Blick paradox. Da bei der Kastration nur die Keimdrüsen (wir erinnern uns –> Gonaden = Eierstöcke/Hoden) entfernt werden, produziert der Körper weiterhin FSH und LH, er will also Sexualhormone bilden. Schließlich melden die zuständigen Stellen „Zu wenig Testosteron/Östrogen vorhanden!“, also versucht er diesen Mangel auszugleichen. Da Sexualhormone nicht nur in den Keimdrüsen gebildet werden, sind andere Gewebe nun aktiver, z.B. die Nebennierenrinde.
Das ist auch der Grund dafür, dass bspw. Hündinnen mit einem hohen Testosteronspiegel (gerne als Rüdinnen bezeichnet 😉 ) nach der Kastration noch deutlich rüdenhafter und durchaus problematischer in ihrem Verhalten werden. Der Körper produziert nun ungehemmt vom Gegenspieler Östrogen u.a. in der Nebennierenrinde das Hormon Testosteron, es kommt zu einer Vermännlichung.
Aber man kann durch den Einsatz von Suprelorin diese Entgleisungen und die entsprechenden Nebenwirkungen reduzieren.
Insbesondere Harninkontinenz ist ein belastendes Problem für Mensch und Hündin, die genauen Ursachen der kastrationsbedingten Inkontinenz sind dabei jedoch unterschiedlich. Die Folgen sind neben der eigentlichen Inkontinenz leider auch chronische Blasenentzündungen, die sich auf die Nieren ausweiten können, und Scheidenentzündungen durch die chronisch gereizte Schleimhaut. Je nach Ursache kann aber auch hier Suprelorin helfen, indem es die Blasenkapazität verbessert/erhöht, was bei 50% der Hündinnen in den gemachten Untersuchungen der Fall war.

Wie empfehlenswert alle diese Anwendungsbereiche sind, muss jeder selbst für sich entscheiden. Die Recherche im Internet bringt Informationen en masse, man sollte jedoch auf die Seriösität der Quellen achten. Die Schweizer waren schon vor Jahren ziemlich aktiv, weshalb eine sehr gute Zusammenfassung mit umfassender Literaturangabe diese hier ist: Der Einsatz von Deslorelinazetat (Suprelorin®) in der Kleintiermedizin von Palm/Reichler, Klinik für Fortpflanzungsmedizin der Universität Zürich
Noch detaillierter kann man Einsatzgebiete bei intakten und kastrierten Hunden und Katzen hier nachlesen: Klick!
Da beim letzten Züchterseminar des ÖKWZR vom Referenten, Mag. Wolfgang Brynda (Tierarzt und für den Hersteller Virbac tätig), recht ausführlich über die Anwendungsbereiche in der Zucht (Induktion der Läufigkeit, vorübergehende Unfruchtbarmachung, Verbesserung der Samenqualität und Verschiebung der Pubertät) informiert wurde, würde ich mich bei Interesse an Virbac oder an den Tierarzt meines Vertrauens wenden und Informationen anfordern.
Dass Suprelorin neben der vorübergehenden Unfruchtbarmachung des Rüden auch noch zahlreiche andere Einsatzgebiete hat, ist eigentlich schon seit Jahren bekannt. Bereits 2010 habe ich in meinem Text zur Kastration auf der Hauptseite darauf hingewiesen, dass Suprelorin die Nebenwirkungen der Kastration teilweise reduzieren kann. Dennoch zeigt sich immer wieder, dass Halter betroffener Kastraten nichts davon wissen, was schade ist.

Zum Schluss noch diese Anmerkungen:
Nebenwirkungen sind bei der Anwendung am intakten Hund selbstverständlich vorhanden und auch zu erwarten. Diese umfassen zu einem großen Teil die üblichen Nebenwirkungen der Kastration, wie Wesensveränderungen, Fellveränderungen, Harninkontinenz der Hündin, oder eben Dauerläufigkeit durch hormonell aktive Zysten usw.
Berichtet wird immer wieder auch von anderen Nebenwirkungen, die sich nicht im Beipackzettel oder in den Zusammenfassungen dazu finden.
Zur Inkontinenz ist anzumerken, dass eine Harninkontinenz bei der intakten Hündin unter Suprelorin sehr sicher für eine Harninkontinenz auch nach der chirurgischen Kastration spricht. Auch so gut wie alle anderen Nebenwirkungen würden bei der endgültigen Kastration auftreten, sodass man es eben als eine Art Probelauf werten kann.
Wenn es um die Unfruchtbarmachung oder die chemische „Frühkastration“ geht, ist eine reversible Methode der endgültigen Kastration vorzuziehen. Die Nebenwirkungen verschwinden hier zumindest größtenteils wieder, wobei die durch eine chemische „Frühkastration“ ausgelösten Probleme am Bewegungsapparat oft nicht mehr zu beseitigen sind. Es fehlen dazu aber mehr Daten, zumindest sind mir keine bekannt. Da die Hoden schrumpfen (sie stellen ja ihre Aktivität ein), muss man bei jungen Rüden vor dem endgültigen Verschluss des Leistenspalts ebenfalls vorsichtig sein, sie können sonst wieder „nach oben“ rutschen und wir haben einen künstlichen Kryptorchiden…

Die Anwendung von Suprelorin wirft aber auch ethische Fragestellungen auf.
Beim Menschen ist die Anwendung von GnRH-Analoga nur in einem strengen Rahmen möglich und nicht als Daueranwendung, da die Nebenwirkungen sehr schwer sind. Oft werden sie als so unerträglich empfunden, dass selbst medizinisch dringend notwendige Behandlungen abgebrochen werden oder man eine Add-back-Therapie durchführt, also geringe Mengen Geschlechtshormone zuführt. Das schützt aber trotzdem nicht vor allen Nebenwirkungen und reduziert andere nur etwas. Hunde bekommen dieses Add-back-Verfahren nicht.
Die Anwendung bei transsexuellen oder intersexuellen Kindern vor der Pubertät führt dazu, dass sie keine sekundären Geschlechtsmerkmale ausbilden und erst durch das Hinzufügen weiblicher oder männlicher Sexualhormone ein eindeutiges biologisches Geschlecht entwickeln. Bei Hunden, die Suprelorin vor der Pubertät gesetzt bekommen, behält man diesen kindlichen und mehr oder weniger undefinierten Zustand bei.
Für manche mag es Vorteile haben, einen ewigen Welpen zu halten. Ob wir das Recht haben, einen Hund mental, emotional und körperlich, teilweise sogar kognitiv derart in seiner Entwicklung zu hemmen, darf man sich jedoch ruhig fragen.
Ich möchte jetzt ungerne die Kastration per se ablehnen, denn das führt bei Haltern von Kastraten oft zu Ablehnung und Informationen werden nicht mehr aufgenommen. Aber im Endeffekt basteln wir Menschen uns mit einer chirurgischen Kastration bei beiden Geschlechtern einen hormonell ziemlich entgleisten Körper, und das bezieht sich nicht nur auf Sexualhormone. Die Auswirkungen dieser hormonellen Entgleisung kann ich hier gar nicht alle aufführen, man kann nämlich ganze Bücher damit füllen (z.B. Kastration und Verhalten von Strodtbck/Gansloßer) und es kommen laufend neue Untersuchungen dazu. Aber egal, ob man selbst den Hund kastrieren ließ oder ihn kastriert übernommen hat, Suprelorin kann helfen, einige der Schäden etwas in Grenzen zu halten.
Im Falle der Inkontinenz, die leider bei großen Rassen häufig auftritt, würde ich Suprelorin einer lebenslangen Gabe von Propalin oder Caniphedrin & Co definitiv vorziehen. Selbes gilt für Fellveränderungen und andere Nebenwirkungen der Kastration, die gerade bei Tierschutzhunden leider oft nicht aus medizinischen Gründen vorgenommen wurde. Verschlimmern werde ich daran nichts.
Im Regelfall ist aber der intakte Körper doch der gesündere Körper.

Gedanken zum Whippet

Heute möchte ich einen Artikel mit euch teilen, der zwar „Gedanken zum Whippet-Zuchtziel“ heißt und mit diesem Titel wohl eher Züchter anspricht, den ich aber auch jedem Whippetinteressenten nahelegen kann.

Verfasst wurde der Text von Dr. Heinz Weidmann, der zusammen mit seiner Frau Myrta ab 1970 Whippets und Greyhounds unter dem Zwingernamen „of Goldenblue“ züchtete. Lange Jahre war er nicht nur als Teilnehmer auf Ausstellungen und Sportveranstaltungen in ganz Europa unterwegs, sondern auch als Richter. Nebenbei wurde noch der WWCS gegründet, der sich ausschließlich um die Interessen der Whippets und Italienischen Windspiele kümmert.
Im Alter von mittlerweile 90 Jahren hat sich Heinz Weidmann zwar im vergangenen Jahr offiziell aus der Zucht zurückgezogen, doch teilen beide noch immer gerne ihr umfangreiches Wissen mit anderen Interessierten.
Und wenn ich schreibe, sie teilen es gerne, dann ist das in diesem Fall wirklich so. Selten habe ich in meinem Leben so offene, herzliche Menschen erlebt, die mit so viel Herz und Verstand ihrer Leidenschaft nachgehen.
Um ehrlich zu sein, ich kann mir schwer vorstellen, dass es im deutschsprachigen Raum noch mehr Menschen gibt, die einen derart großen Erinnerungsschatz besitzen.
Einen kleinen Einblick kann man übrigens im Büchlein „Mein Whippet – Erkenntnisse und Bekenntnisse“ gewinnen, das direkt bei Heinz Weidmann zu beziehen ist.

Der in der Zeitschrift „Unsere Windhunde“ im Oktober 2014 veröffentlichte Artikel „Gedanken zum Whippet-Zuchtziel – Den Whippet erhalten oder verändern?“ ist großteils ein Auszug aus eben diesem Buch.
Mit einem Klick auf diesen Link gelangt man zur pdf-Datei.

Sehr treffend und ehrlich wird darin beschrieben, was die Rasse Whippet ausmacht und worauf man sich einstellen muss, wenn man einen Whippet als Mitglied in seine Familie aufnimmt.
Zum ersten Mal wurde meines Wissens darin auch öffentlich in einer Verbandszeitschrift das Thema Einkreuzung von Greyhounds angesprochen, ein Thema, das leider immer noch brandaktuell ist.
Daher rührt wohl auch der Titel, denn natürlich ist es in der Rassehundezucht ein Problem, wenn man Fremdrassen einkreuzt und für die Nachkommen falsche Pedigrees ausstellt – und sie dann in einen Wettbewerb mit den reinrassigen Hunden stellt.
Der englische Whippet ist kein kleiner Greyhound, er war es nie und soll es auch nicht werden.
Diese Einkreuzungen von Greyhounds in jüngster Vergangenheit sind mittlerweile bewiesen, doch Konsequenzen gibt es keine. Höchstens für die Hunde selbst, die unter der besonderen Verletzungsanfälligkeit aufgrund ihrer höchst speziellen Anatomie leiden…

Schmunzeln musste ich damals übrigens über die Bezeichnung „Laufraubtier“, denn sie passt einfach zu gut.
Whippets sind immer im Jagdmodus, je nach Situation eben mehr oder weniger, und dieser Jagdmodus bleibt auch im Hund, egal, was ich erziehungstechnisch mit ihm anstelle.
Natürlich kann ich ihn mit entsprechend großem Druck hemmen, weit kommt man damit jedoch nicht. Und ein glückliches Zusammenleben sieht anders aus.
Langsam setzt sich jedoch die Erkenntnis durch: Man muss diesen Jagdmodus gar nicht aus dem Hund herausbekommen, sondern kann ihn wunderbar für das positiv und auf Kooperation aufgebaute Jagd(ersatz)training nutzen.
Whippets sind nämlich ziemlich schlaue Hunde, die bei fairer Behandlung sehr gerne mit ihrem Menschen zusammenarbeiten. Zumindest das ist keine neue Erkenntnis 😉

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MDR1-Defekt beim Windhund? Nein!

In den vergangenen Tagen wurde sehr fleißig ein über 10 Jahre alter Artikel verbreitet, der für viel Verunsicherung gesorgt hat. Wieder mal.
Er heißt „Neues zum MDR1-Defekt“ von Dr. med. vet. Anna Laukner und es steht prinzipiell nichts Unwahres darin, aber sehr wohl etwas an überholtem Wissen.
Und weil ich langsam ein wenig müde werde, immer wieder die passenden Links herauszusuchen, um die Leute aufzuklären, fasse ich jetzt einfach mal alles zusammen.

Was ist denn nun genau so aufregend an diesem Artikel?
Diese Passage:

Möglicherweise betroffen sind auch die folgenden Rassen: Australian Terrier, Australian Kelpie, Australian Cattle Dog, Barsoi, Grey­hound, Irish Wolfhound und Belgischer Schäferhund. Dr. Geyer begründet dies mit der genetischen Verwandtschaft zu den Collie-Rassen.

Wie kam Dr. Geyer, der im Artikel zitiert wird, zu dieser Annahme?
Anfang der 2000er begann man damit, die Entstehungsgeschichte der Hunderassen mittels genetischer Untersuchungen, und nicht mehr nur durch historische Berichte, genauer nachzuvollziehen.
2005 erschien zum Beispiel eine Arbeit mit dem schönen Titel „The canine genome“ und darin wurden die untersuchten 85 Hunderassen bereits in 4 Cluster eingeteilt – Asian/Ancient, Herding, Hunting und Mastiff.
Und, siehe da, einige der Windhundrassen fanden sich im Herding-Cluster und nicht im Hunting-Cluster.
Es waren dies der Barsoi, der Grey und der IW.

Structure analysis of 85 dog breeds. Cluster results from a structure analysis of 414 dogs from 69 breeds and based on 96 microsatellite markers. Each breed was usually represented by five dogs, and all dogs were unrelated to one another at the grandparent level.

http://genome.cshlp.org/content/15/12/1706.full

Heute gibt es natürlich viel feinere Analysen, allein Loris Analyse bei MyDogDNA umfasst mehr als 20.000 solche Marker (SNPs) und in wenigen Monaten werden auch Analysen mit 180.000 Markern für jeden erschwinglich sein.
Damals war das aber der Stand der Dinge und so viel hat sich am Ergebnis nicht geändert, 2017 wurde eine neue Studie mit 161 Rassen veröffentlicht und es zeigt sich, dass auch bei über 150.000 analysierten SNPs die Hütehunde und die Windhunde sehr, sehr nahe verwandt sind (hellgrün).


http://dx.doi.org/10.1016/j.celrep.2017.03.079

Wer sich ein bisschen mit Lurchern oder auch nur ein bisschen mit britischen Hütehunden oder der Herkunft von Hüteverhalten und Jagdverhalten beschäftigt, für den wird das keine Überraschung sein.
Sie harmonieren ja auch super, meine kommen alle sehr gut aus mit Collies, Border Collies und Aussies 😉

Lori und Boder Collie Lee (Arbeitslinie, 12kg) laufen und raufen nahezu ebenbürtig miteinander.

Was kam bei den weiteren Untersuchungen von Dr. Geyer heraus?
Die Antwort findet sich bereits im Titel des Beitrags: Windhunde tragen keine Mutation des MDR1-Gens!
Is so, da muss man nicht diskutieren und das weiß man schon seit 2010.

The study included dog breeds that show close genetic relationship or share breeding history with one of the predisposed breeds but in which the occurrence of the MDR1 mutation has not been reported. The breeds comprised Bearded Collies, Anatolian Shepherd Dog, Greyhound, Belgian Tervuren, Kelpie, Borzoi, Australian Cattle Dog and the Irish Wolfhound. The MDR1 mutation was not detected is any of these breeds, although it was found as expected in the Collie, Longhaired Whippet, Shetland Sheepdog, Miniature Australian Shepherd, Australian Shepherd, Wäller, White Swiss Shepherd, Old English Sheepdog and Border Collie with varying allelic frequencies for the mutant MDR1 allele of 59%, 45%, 30%, 24%, 22%, 17%, 14%, 4% and 1%, respectively.

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/20655253

Die Ausnahme bilden eben Silken Windsprite (noch immer gelegentlich als Langhaarwhippet bezeichnet und auch in der Arbeit als solche geführt, da damals die Sache mit dem Namen noch nicht so klar war 😉 ) und der Silken Windhound, bei beiden aufgrund der Hütehundeinkreuzung.
Mit 45% lagen die getesteten „Langhaarwhippets“ damals auch an zweiter Stelle, wie genau aktuell die Verteilung innerhalb der Rasse aussieht, weiß ich nicht. Da die Gentests auf den MDR1-Defekt aber schon einige Jahre verpflichtend sind, gibt es sicherlich grobe Zahlen, die man bei den Zuchtclubs erfragen kann.

Es ist also nichts dran an dem Gerücht und es wundert mich seit Jahren, dass immer wieder so viele langjährige Windhundleute darauf anspringen.
Nur weil im Titel das Adjektiv „neu“ zu lesen ist, ist der Inhalt nicht zwangsweise „neu“.
Bitte schaut ein bisschen kritischer hin, wenn ihr etwas teilt.

Vor allem Whippetneulinge sind seit Jahren verunsichert und es ist geradezu unverschämt, wenn teilweise von Langhaarwhippetleuten bewusst behauptet wird, auch der Whippet würde die MDR1-Mutation tragen. Nein, er trägt sie nicht! Er trägt ja auch keine CEA 😉
Der sog. Langhaarwhippet ist unzweifelhaft aus einer Kreuzung von Sheltie und Whippet entstanden, daher trägt er leider, so wie der genetisch meist identische Silken Windsprite, sowohl die MDR1-Mutation als auch die CEA (Collie Eye Anomaly).
Ich bin froh, dass hier von Seiten der Silken Windsprites offener mit der Abstammung umgegangen wird.

Wer mehr über die MDR1-Mutation lesen möchte und auch an aktuellen Publikationen interessiert ist, der möge bitte auf der Homepage der Forschungsgruppe der Uni Gießen unter der Leitung von Dr. Geyer vorbeischauen.
https://www.transmit.de/mdr1-defekt/index.html

Und jetzt mal schauen, wie oft ich diesen Beitrag in den kommenden Jahren verlinken muss… 😉

Kleine Fotostudie – Coursing Start und Kill

Ja, wir machen auch noch was anderes als Ausstellen 😛

Bei der Durchsicht der Fotos vom letzten Training ist mir diese Serie aufgefallen, die sehr schön zeigt, wie so ein Coursinglauf abläuft.

Starten, laufen, Ansatz zum Packen (als „Kill“ bezeichnet), bisschen übers Ziel hinausschießen, wieder zurückrudern und nochmal töten, anschließend stolz die Beute bewachen und damit ist es auch schon wieder vorbei 😉

Ich fand diese Start- und Killsequenz von Saluki Anis sehr interessant, denn für unser Auge geht beim Coursing ja alles viel zu schnell.
Ob die Leute ihre Hunde gut oder eher weniger optimal starten, sieht man vielleicht ansatzweise, wenn einer zu spät wegkommt oder seitlich abdriftet etc.
Nachdem ich aber bei unseren Trainings bei vielen Läufen mit der Kamera dransitze, sehe ich ganz viele Details beim Start oder auch am Kill, die ohne Kamera verborgen bleiben.

Starttechniken gibts ja jede Menge, aber ich finde diese hier am besten und empfehle sie daher auch. Das Starten mit Hilfsmitteln wie Gurten oder Schläuchen finde ich nicht optimal und riskant, außerdem für die Hunde unangenehm, wenn sie sich selbst würgen.

Und normalerweise laufen sie bei uns ja ohne Maulkorb, dann wäre es noch ein bisschen schöner!

 

Coursing EM 2017, Lotzwil/CH

Seit Jahren drauf gefreut – doch nix draus geworden :/
Dass ich eine Vorliebe für das schweizer Windhundewesen habe, ist ja jetzt nicht gerade neu. Umso mehr hätte ich mich natürlich auf diese EM gefreut, all die Hunde und Menschen wieder mal zu sehen und auch eine sicherlich gut organisierte Veranstaltung.
Ein bisschen von Zuhause die favorisierten Starter anfeuern war aber drin!

Interessanterweise fiel die Beteiligung aus Österreich heuer spärlicher aus als sonst, und fragt man die Mitglieder in unserem Verein, wurden als Gründe Sicherheitsbedenken genannt. Prinzipiell stößt man mit diesem Argument bei mir immer auf ein offenes Ohr, aber gerade bei einer schweizer EM solche Bedenken zu haben – wie kommt’s?
Einen Lauf mussten die Hunde ja mit der in Österreich üblichen Bodenzuganlage absolvieren, den anderen mit der schweizer Overheadanlage. Und die hat manchen Bauchschmerzen bereitet.
Ich kann jetzt nur für mich sprechen, aber nach allem, was ich von den Schweizern selbst und von durchaus weitgereisten Coursingteilnehmern weiß, bietet die Overheadanlage viele Vorteile. Eine Reihe Verletzungen, die durch den Bodenzug verursacht werden, fällt ebenfalls weg.
Rein von den Technik her wäre das auch unser Favorit, aber der Aufbau ist natürlich wesentlich zeitaufwendiger (und auch „personal“aufwendiger) als bei den Bodensystemen über Umlenkrollen und so kommt es für unsere Trainings leider nicht in Frage.
Mich hat diese Begründung also schon etwas verblüfft und ein bisschen drängt sich mir der Gedanke auf, da wurde im Vorfeld wieder mal absichtlich Stimmung gemacht…
In den Videos seht ihr übrigens die selbe Hündin auf Overheadparcours und auf Bodenanlage, sehr schöne Videos mit Namen, Deckenfarbe und Punkten (was ja auch immer spannend ist 😉 ).

Sei’s drum, „unsere“ drei Rüden sind jedenfalls wie erwartet unverletzt davongekommen und von schweren Verletzungen habe ich diesmal überhaupt nichts gehört. Lediglich Kapselverletzungen und andere kleinere, aber natürlich trotzdem nervige Verletzungen gab es vor allem bei den Whippets. Hätte es nicht wenigstens in den Tagen davor geregnet, der vollkommen ausgedörrte und betonharte Boden hätte sicher Opfer gefordert. Insofern war auch wettertechnisch viel Glück dabei.
Organisatorisch lief alles wie das sprichwörtliche schweizer Uhrwerk, ebenfalls vorhersehbar, und liebenswürdig sind die Schweizer ja im Regelfall, sodass sich auch diesbezüglich keine Beschwerden finden ließen.
Scheint wohl eine Ausnahme-EM gewesen zu sein, sowas aber auch 😉

Wie zufrieden die Leute dann mit ihren Ergebnissen sind, steht natürlich wieder auf einem anderen Blatt, aber dafür können die ausrichtenden Vereine nichts. Sicher gab es die eine oder andere Enttäuschung über schlechte Plätze, Disqualifizierungen oder nicht ordnungsgemäß laufende Hunde und auch die Punktevergabe ist manchmal weniger gut nachzuvollziehen… Aber auch das weiß man vorher, die Coursingwelt ist ziemlich klein und manchmal menschelts halt. Was bei kleineren Veranstaltungen vielleicht noch zu umgehen ist, kann auf einer EM eben doch entscheidend sein. Daher fände ich ja immer noch sinnvoll, die höchste und niedrigste Bewertung der fünf Coursingrichter aus der Gesamtbewertung herauszunehmen, was ja seit Jahren diskutiert wird. Dann muss sich keiner mehr aufregen oder ein „Der kann mich halt nicht leiden!“ als Begründung für den schlechten Platz vorschieben.
Aber als Bewerbsverweigerer darf man ja gleich dreimal nix sagen 😛

Die Resultate finden sich jedenfalls unter diesem Link und zumindest ich bin sehr zufrieden, es waren sehr anspruchsvolle Läufe und eine Platzierung im guten Mittelfeld passt schließlich immer.

Billi (Banu) auf Platz 28
Enzo (Amigo) auf Platz 25
und der kleine Levi (Loris Bruder) auf Platz 23
von über 60 Rüden.

Vielen Dank an meine beiden Familien, ihr habt das super gemeistert und ihr könnt stolz auf euch und eure Hunde sein!

Besonders Levis Leistung freut mich, er wurde ja am Vortag erst 2 Jahre und war bisher eher zurückhaltend am Hasen. Er ist ein sehr höflicher, freundlicher kleiner Mann und mit allen gut Freund, so wie Lori. Das hat ihm bisher immer Punkte gekostet, aber langsam wirds. Sie werden jetzt doch erwachsener in allen Bereichen.
Enzos aufwendigst therapierte Muskelverletzung (durch die Bodenzuganlage in Italien…) hat der Belastung glücklicherweise standgehalten und so wünsche ich mir für ihn, dass er in seinen letzten beiden Jahren als „Senior“ noch einige schöne und vor allem verletzungsfreie Coursings und Rennen laufen kann!
Nur wenige Sporthunde bekommen diese umfassende Versorgung, seine Familie scheut wirklich keine Kosten und Mühen und umsorgt ihn wie einen Profisportler bzw. lässt ihn von einem tollen Team aus Ärzten und Physiotherapeuten (präventiv und im Akutfall) umsorgen.
Überhaupt ist die Teilnahme an so einem Event immer mit viel Aufwand verbunden, angefangen bei den ganzen Vorgaben für die Lizenz, deren Erwerb in Österreich oft an eine Zumutung grenzt (davon können meine braven Familien alle ein Lied singen), über die Vorgaben für die Zulassung zur EM (viele hundert Kilometer Fahrt, damit man an österreichischen Coursings teilnehmen kann, an denen man sonst nicht teilnehmen würde), dann die weiten Fahrten zu den Meisterschaften an sich etc.
Als Züchter muss man dankbar sein, wenn jemand sowas verantwortungsbewusst und mit Herz und Hirn macht! Ich nehme keinem meiner Welpenleute übel, wenn er mir sagt, ich mach mit dem Hund sicher keinen Bewerbssport. Auch wenn mir das Herz dabei aufgeht, toll veranlagte und trainierte Hunde beim Coursing laufen zu sehen, sind sie mir lieber irgendwo im Freilauf lustig unterwegs, als unprofessionell oder mit falschem Ehrgeiz im Sport geführt.

Selbstverständlich gibt es auch viele Fotos und Videos, da aber die meisten davon nicht verlinkt werden können, stelle ich einfach die Sammlung ein: https://www.coursing2017.com/pics/

Tja, was soll man sonst noch zu diesem Großevent zu schreiben – es war aufregend und lustig, manche Menschlichkeiten waren ein bisschen absurd komisch, und es lief einfach gut 🙂
Im nächsten Jahr startet keiner unserer Hunde in Dänemark und wo die EM 2019 stattfindet, darüber herrscht noch nicht abschließend Klarheit. Ist auch noch ein Weilchen hin.

Wie ich das Ausstellen neu für mich erfand

In letzter Zeit habe ich hier einige Ausstellungsberichte veröffentlicht, was manche vielleicht irritiert hat, da ich bekanntlich kein großer Fan von Hundeshows bin/war/? … Warum ich jetzt trotzdem öfter mal eine besuche und was jetzt anders läuft, das wollte ich hier gerne etwas näher erläutern.
Gleichzeitig darf diese Ausführung gerne als Anregung gesehen werden, den Umgang mit dem Hund im Showring vielleicht zu überdenken.
(Anm.: Dieser Artikel liegt schon ein paar Wochen unveröffentlicht herum und ich habe ihn heute um einige Zeilen ergänzt, denn es tut sich ja immer was in der Showszene 😉 )

Als ich mich für Lori und damit für einen Hund aus einer vielversprechenden Showlinie entschied, hatte ich wenig Ambitionen, mit ihr im Ausstellungsbereich aktiv zu sein. Vielleicht mal eine Ausstellung in der Jugend zum Kennenlernen, dann die beiden Ausstellungen für die Zuchtzulassung – fertig.
Für mich waren Ausstellungen eigentlich nur in Kombination mit einer Sportveranstaltung interessant, und da es davon in Österreich nur sehr wenige gibt (lange Zeit keine, dann eine bis höchstens zwei pro Jahr), habe ich mich mehr oder weniger fern gehalten. Der Weg zum Titel über die Gebrauchshundeklasse war für mich der einzig gangbare Weg und auch den bin ich nur mit Enya gegangen.
Ich empfand Ausstellungen nämlich oft als sehr unangenehm, nicht nur die riesigen, stinkenden und überfüllten Hallen, sondern vornehmlich den Umgang mit den Hunden.
Da wird an den Hunden gedrückt und gezupft, gehoben und geschoben, ein Lebewesen mit Persönlichkeit wird auf seine Performance und seine Optik reduziert und daran gemessen und klassifiziert.
Also eigentlich ziemlich entwürdigend, der ganze Zirkus. Außenstehende finden das ja auch oft sehr lustig, wie die Leute da mit ihren Hunden im Kreis herumrennen, und was soll ich großartig sagen… Es ist, wie es ist 😉

„Nein, das ist eine Klasse für Leute, die so bekannt sind, dass sie keinen Hund zum Gewinnen benötigen.“

Dass die Showhundezucht, also die Zucht rein auf optische Merkmale, das Ende einer jeden Rasse ist, ist auch einfach Fakt. Genauso aber übrigens die Zucht auf Leistung = Schnelligkeit, was man sehr gut an den Greyhounds und mittlerweile an den Whippets sieht.
Es ist niemals gut, einen Typ (also ein Merkmal bzw. eine zusammenhängende Reihe an Merkmalen) derart zu überformen.
Lange vor meiner Zeit waren Shows Zuchtschauen und man verglich die Hunde miteinander, um in der Zucht weiterzukommen. Diese Zeiten sind lange vorbei, Rassen und Typen sind längst gefestigt, Zuchtschauen heißen nun Ausstellungen oder Shows und der Zweck ein vollkommen anderer.
Oder, wie es in einem Beitrag von Bo Bengtson, international anerkannter Richter, Züchter und Autor von u.a. „The Whippet“ so schön heißt: „This is not your grandpa’s gene pool…“
Der Artikel ist unter diesem Link zu finden.
Ein lesenswerter Artikel von Eva Holderegger Walser findet sich hier: Hundeausstellungen – Fluch oder Segen für die Entwicklung der Rassen?

So weit, so gut.

Da stand ich dann also eines Tages im März mit dem hier schon öfter erwähnten Mario 😉 am Auto, die Hunde zufrieden nach einer langen Wanderung, und ich mit wenig Bock auf die erste der beiden zwingend für die Zucht vorgeschriebenen Ausstellungen.
Mario, selbst geübter Handler verschiedenster Rassen, aber aus (ich nenn’s jetzt mal so) ethisch-moralischen Gründen (s.o.) schon ein paar Jahre aus der Showszene ausgeschieden, schlug mir ein kurzes Training vor.
Ich kannte damals nur das Showtraining, das mir eben von anderen Züchtern gezeigt wurde und das man im Ausstellungsring sieht. Sogar ein Buch zum Thema habe ich mir an Weihnachten 2008 gekauft, ich wollte schließlich mit Enya alles richtig machen…

Enya, Dezember 2015

Und das sieht dann so aus:
Man nimmt den Hund, hebt ihn vorne an, damit er parallel steht, hebt ihn hinten an, damit er parallel steht, und dann soll er stehen. Zieht er ein Bein weg, wird er festgehalten, bis er nachgibt. Auch Stacking Hilfsmittel werden angeboten.
Das Ganze füttert man sich halt ein bisschen zurecht, wobei Futter im Ring ja oft nicht gerne gesehen wird, fertig für den Hund.
Der Mensch wirft sich währenddessen vielleicht auch noch möglichst grazil die Ausstellungsleine um den Nacken, nimmt sie zwischen die Zähne oder was weiß ich, Hauptsache, man macht Eindruck 😉

Liest sich nicht gerade spannend oder angenehm, aber dieses Vorgehen wäre ja noch erträglich, wenn man nicht auch das Folgende sehen würde: Dem Hund wird in den Rücken gedrückt und gezwickt, damit er den Rücken nicht krümmt (was normal ist, wenn er auf die beschriebene Art behandelt wird, Druck erzeugt bekanntermaßen immer Gegendruck), er wird am Kinn oder gar in die Lefzen oder die Zunge gekniffen, damit er den Kopf hoch nimmt, gehalten und manipuliert, damit Fehler weniger sichtbar sind, usw. usf.
Den Hund an der dünnen Leine zu strangulieren ist mittlerweile ja verboten, zeigt aber, dass es im Ring oft unschön zugeht, wenn man dafür sogar schon Verbote auf höchster Ebene veranlasst und sie in Verbandszeitschriften mit mehrseitigen Artikeln veröffentlicht. In mehr oder weniger kurzen Abständen gehen daher auch Aufschreie durch die sozialen Medien, wenn man einen Handler bei allzu brutalem Handling filmt oder fotografiert. Im Juni 2017 waren auch wieder mal grob vernachlässigte Windhunde ein Thema, Stichworte Sloughi und Taigan auf der größten russischen Spezialschau unter den Augen des FCI-Präsidenten…

Also alles nichts, was das Herz eines mitfühlenden Hundehalters erfreut. Natürlich ist gerade offensichtlich zur Schau gestellte Brutalität eher die Ausnahme als die Norm, aber sind wir doch mal ehrlich: Im Hundewesen wird oft rücksichtslos mit Hunden umgegangen, also warum sollten Aussteller nobler und besser als andere Hundesportler sein?

Biene, August 2014

Ein wichtiger Punkt, der aktuell wieder heiß diskutiert wird, ist die Verwendung von Ausstellungsleinen mit. bzw. eigentlich ohne Kehlschutz. Noch (?) verwenden viele Aussteller die üblichen Leinen ohne Kehlschutz, die nur wenige Millimeter breit sind.
Das mag ok sein, wenn sie so sitzen, dass sie keine Schmerzen zufügen. Aber warum nicht eine Leine mit Kehlschutz verwenden? Selbst wenn der Hund noch so gut geführt wird, es gibt eine ganze Reihe von Gründen, warum plötzlich Zug entstehen kann oder ein schmerzhafter Ruck passiert.
Nachdem man die Hunde ohnehin nicht mehr wie an einem Galgen vorführen soll, stört der Kehlschutz überhaupt nicht.
Wenig Verständnis habe ich ohnehin für Aussteller, die ihre Hunde bewusst mit einem (oder auch mehreren) herzhaften Rucken an den Ausstellungsleinen gefügiger machen wollen. Bei großen und etwas scheuen Windhundrassen sieht man das nicht selten, was für mich immer besonders absurd ist. Da hat ein Hund Angst oder fühlt sich sonst irgendwie unwohl, möchte nicht kooperieren wie gewünscht und wird dann auch noch körperlich gemaßregelt, nämlich so richtig mit „aller Gewalt“?
Nicht schön und so unnötig.

Bullitt, August 2014

Wir als Aussteller und ggf. Züchter sind Vorbilder für andere, wir sollten uns dementsprechend verhalten oder es zumindest nach bestem Können versuchen!
Was wird Besuchern und Kollegen gezeigt, wenn die oben angeführten Praktiken – egal ob unangenehme Manipulationen am Hund, Leinenruck o.ä. – auch noch zu einer guten Platzierung führen?
Ist das zeitgemäßes Hundewesen?

Es geht aber auch anders.
Ich nenne es das „freie Ausstellen“, und es ist eigentlich nur Shaping.
Die Zauberformel: Hände weg vom Hund!
Man nimmt das, was einem der Hund anbietet, bestätigt es, bricht es runter auf kleine Trainingseinheiten von 1-2min, integriert das auch noch in alle möglichen Alltagssituationen, et voilà: Hund stellt sich selbst aus und hat Spaß daran.
Denn jeder gesunde Hund kann stehen, dazu braucht es kein Gefummel am Hund, keine Manipulationen und erst recht keinen Zwang.
Mein körpersprachliches Signal ist die geschlossene Hand auf der Brust, das verbale Signal lautet „Show“.
Prinzipiell ist das weder neu noch irgendwie aufwendig, es ist wie der zwanglose Aufbau von Sitz, Platz & Co. von jedem durchführbar und für jeden Hund unmittelbar verständlich (ein bisschen Erfahrung in dieser Art der Ausbildung hilft aber, z.B. auch ein etabliertes Markerwort).
Machen muss man es eben, was ich bisher nicht getan habe. Meine persönliche Abneigung gegen das Ausstellen war so groß, dass ich zwar meinen Interessenten oder Familien immer gesagt habe, man könne das Stehen zwar wie einen Trick aufbauen, aber ICH konnte mich dazu nicht überwinden. Es brauchte jemanden wie Mario, der mir einen ordentlichen Stoß in die richtige Richtung gab.
Womit man außerdem leben muss, ist, dass der Hund anfangs (!) bei einer Ausstellung vielleicht nicht 100% parallel steht, dafür aber entspannt und natürlich und so, wie er eben gebaut ist.
Warum es trotzdem kaum jemand (unter den Windhundleuten?) macht, ist mir bisher nicht ganz klar geworden. Naja, Fehler kaschieren kann man eben höchstens in einem fortgeschrittenen Stadium.

So passierte es also, dass ich in Salzburg auf einmal einen Hund vor dem Richtertisch stehen hatte, der mich mit glänzenden Augen aufmerksam beobachtete und sich tadellos präsentierte. Ein einziges Mal ließ ich mich von den ganz lieben Mitausstellerinnen und ihren Äußerungen irritieren und versuchte bei der Platzierung doch, Lori konventionell/manuell zu stellen. Das quittierte sie ihrerseits mit einem irritierten Blick und einer angespannten Haltung.
Ein wichtiger Moment der Einsicht bei mir, so wie man ihn als lernwilliger Hundehalter über die Jahre ja doch immer mal wieder hat (hier muss ich an den Artikel Tough Love denken, Respekt vor dem Hund darf im Ring nicht aufhören).
Das war irgendwie schön und ich war stolz auf uns.
Das (durchaus sehenswerte) Ergebnis rückte total in den Hintergrund, es war nur mehr eine nette Beigabe.

Im Anschluss an Salzburg fand U7Brunn statt, die Nachlese gab es ja hier. Weil das so gut lief, echt Spaß gemacht hat und auch Mario vom Ausstellungscoachingfieber gepackt wurde, hab ich eben auch noch für Wieselburg gemeldet… Ein bisschen mit gemischten Gefühlen, weil eigentlich sind Ausstellungen doch böse, s.o. 😉 Das Ergebnis gab es hier zu lesen und eine weitere Steigerung ist nicht wirklich möglich.
Das Feedback der vorbeikommenden Besucher und auch der anderen Aussteller, zu denen wir Kontakt hatten, war sehr positiv. „Schau, der Hund macht das ganz von alleine!“
Den Richtern dürfte es auch nicht zu sehr missfallen haben und dass Enya beim Ausstellen regelrecht in den Ring zieht, freiwillig auf den Tisch springt und unbedingt arbeiten will, ist doch das schönste Lob, das man bekommen kann. Deshalb darf sie jetzt immer in die Veteranenklasse, solange sie eben will.

Enya, April 2017

Was mir noch fehlt, ist ein Weg, mit wenig Platz besser umzugehen. In Grafenegg war die Klasse voller und die Ringe waren kleiner, sodass ich teilweise mit einem widerwilligen Gefühl auf das konventionelle Stellen ausweichen musste.

Ich habe für mich entschieden, dass mir die Ergebnisse bzw. Erfolge oder Misserfolge herzlich egal sind. Selbstverständlich war das ein Lernprozess, Menschen leben für soziale Anerkennung und eine Prämierung bei einem Wettbewerb ist für jeden ein Zuckerl. Aber Erfolge waren und werden für meine Zuchtpläne ohnehin niemals entscheidend sein und tatsächlich ist es mir gelungen, ohne Erwartungen bzw. ohne den Anspruch auf eine gute Platzierung an die letzten vier Ausstellungen heranzugehen. Ich brauche nämlich die gute Platzierung nicht mehr als Belohnung dafür, dass ich etwas überstanden habe, was mir keine Freude macht. Die Sache an sich macht jetzt Freude.

Außerdem kommt ein weiterer, mir sehr wichtiger Aspekt hinzu, weshalb ich nun auf Ausstellungsbewerbe umgestiegen bin: Es kann sich hier, anders als beim Coursingbewerb, keiner meiner Hunde verletzen.
Ich kann auf eine Ausstellung gehen, dort nette und weniger nette Leute treffen, andere Hunde sehen, von dort Knabbersachen, Mäntel und Geschirre und vielleicht aus dem Bewerb irgendwelche Schleifchen und Pokale mit Nachhause nehmen – garantiert aber einen unverletzten Hund.
Das unverantwortlich hohe Risiko bei vielen Coursingbewerben war der Grund dafür, dass wir im Herbst 2014 entschieden haben, keine Coursingbewerbe mehr zu besuchen. Von diesem letzten Coursing nahmen wir ein vollendetes Coursingchampionat für Enya und ein CACIL mit Best in Field für Buddy mit Nachhause, aber auch einen durch den Hasenzieher verletzten Hund. Man muss sich fragen: Was haben Erfolge angesichts der Verletzungen und leider auch Todesfälle schon für einen Wert?
Wenn der Ringschreiber nicht weiß, was er tut oder bewusst ein Ergebnis manipuliert, dann kann das der Gesundheit meines Hundes nichts anhaben. Wenn ein Hasenzieher inkompetent ist oder den Bewerb bewusst durch einen riskanten Zug manipuliert, zahlt mein Hund die Zeche.
Nicht mit mir, nicht mit uns.
Ich befürchte fast, dass diesen Weg vor mir schon einige andere gegangen sind, so traurig, wie sich die Meldezahlen im Sport entwickeln… Aber gut, noch ist nicht aller Tage Abend.
(Leser aus dem Ausland mögen bitte bedenken, dass die Situation in ihrem Land womöglich ganz anders ist. Insbesondere die Schweiz oder Tschechien haben vergleichsweise günstige Bedingungen und würde ich dort leben, meine Entscheidungen würden vollkommen anders ausfallen.)

Was heißt das jetzt für diesen Blog?
Wer nicht gerne von Ausstellungen liest, der darf einfach wegschauen, denn ein paar Berichte werden wohl zukünftig noch folgen 😉
Dass dieser Beitrag nicht jedem gefallen wird, ist mir ebenfalls klar, aber vielleicht dient er dennoch als Anregung, auch mal das freie Handling zu versuchen und so für alle Beteiligten eine angenehme Situation zu erzeugen. Oder vielleicht regt er die weniger freundlichen Handler dazu an, zumindest im Ring freundlicher mit dem Hund umzugehen. Man bricht sich dadurch keinen Zacken aus der Krone. Im Gegenteil.

ÖKWZR Winner Grafenegg 2017

Aller guten Dinge sind drei, daher gibt es vor den interessanten Themen noch einen kurzen Bericht über die diesjährige Ausstellungen in Grafenegg – mit Fotos!

Wir waren ja schon mehrfach in Grafenegg (2x Show, 2x Coursing), aber der letzte Besuch war auch schon wieder 3 Jahre her und ich habe mich schon ein bisschen auf das tolle Gelände gefreut. So richtig genießen konnten wir es zwar nicht, denn es war drückend heiß, aber der Schatten der wunderschönen alten Bäume trug immerhin dazu bei, dass wir alle ohne Sonnenbrand und Sonnenstich davonkamen.
Ein schöneres Ambiente als Grafenegg kann es für eine Show kaum geben, außer vielleicht in Salzburg Aigen, wo früher das Sighthound Festival stattfand, vor über 8 Jahren meine erste Ausstellung mit Enya.

65 Whippets waren gemeldet und Enya trug als Veteranenhündin die Nr. 65, einiges an Wartezeit war also einzukalkulieren. Die haben wir genutzt, um alte und neue Bekanntschaften zu treffen und einige sehr nette Gespräche zu führen 🙂
Zum Beispiel mit Marta/Balifail Whippets, die ich zuletzt beim CACIL Coursing Ottenschlag 2014 gesehen habe. Zwischen ihrer süßen kleinen Maus aus dem englischen Kennel Supeta und Lori hat es sofort gefunkt, die beiden hätten sicher viel Spaß miteinander gehabt. Kurz konnte man davon einen Eindruck gewinnen, als sich Lilos Karabiner beim Herumalbern löste und sie ein paar ordentliche Flitzerunden über den Parkrasen drehte 😉

Und dann kam doch schneller als erwartet unser Einsatz in der Zwischenklasse, den ich natürlich wieder mal fast verquatscht hätte, und hastig nahmen Bianca/Pillow Talk Whippets und ich noch unsere Plätze im Ring ein.
Diesmal war der Platz deutlich eingeschränkter, weshalb ich mich sehr unwohl in meiner Haut fühlte. Zusammen mit dem „Fehlstart“ und der Hitze waren das keine optimalen Vorraussetzungen und ich hatte irgendwie gar kein Konzept, wie ich Lori am besten in Szene setzen könnte. Lori hat das natürlich gespürt und versuchte, es mir recht zu machen, stellte sich so hin und anders, und bot zu guter Letzt fast ein Sitz an. Aah, und ich hatte einfach nicht den Raum, den ich brauchte!
Ständig schüttelte ich den Kopf und Mario bog sich draußen fast vor Lachen, na toll 😉

Endlich kamen wir zur Einzelbewertung und der Whippetspezialist Roger Stock/GB, Züchter der bekannten Courthill Whippets, nahm Lori sehr genau in Augenschein.
Das war richtig interessant zu beobachten, selten hatten wir einen Richter, der sich so viel Zeit nahm und so genau alles betastete und kontrollierte.
Ich hab ihm auch genau auf die Finger geschaut, das Leben ist Lernen 😉
Schade, dass ich ihn aufgrund seines Alters wohl nicht mehr oft als Richter erleben werde können. Trotz genauester Begutachtung waren die Hunde nicht zu „unangenehm berührt“ von diesem Prozedere, wofür man schon ein Händchen haben muss. Manche Richter versuchen nur eine oberflächliche Zahnkontrolle und sind beim Hund sofort unten durch. Das war hier definitiv nicht der Fall.

Einige Runden und ein bisschen Stehen später dann das Ergebnis: Noch ein V1 CACA von 5 Hündinnen, die dritte Anwartschaft in Folge! Damit befindet sie sich nun in der Warteschleife zum Österr. Champion, für die letzte Anwartschaft müssen wir mindestens bis Ende April 2018 warten.

Richterbericht:
sweet head and expression, excellent dark eye and pigmentation, good bone, good length of neck, well angulated arm, good depth of brisket, correct topline, good hind end with good second thigh, moving very soundly coming and going and in profile

Mein Blick dürfte aussagekräftig genug sein 😉

Gut 20 Hündinnen später folgte dann Enya, hier hatte ich wieder Platz und innere Ruhe genug und wir meisterten unseren Auftritt im Ring perfekt.
Das gab eine Extraportion Lob vom Richter, der auf einmal sehr gesprächig war, was mich noch immer sehr freut ❤
Wenig überraschend also wieder V1 Veteranensieger, ÖKWZR Veteranenwinner 2017 und damit neuer Österr. Veteranenchampion mit folgendem

Richterbericht:
sweet feminine head, excellent neck and shoulder, good bone, correct depth of brisket, good top and underline, good hind angulation, excellent coat and skin, very sound in coming and going and excellent in profile, in lovely condition for her age and a credit for her owner

Herrlich 🙂

In der Pause setzte dann der Regen ein und wir vertrieben uns die Zeit mit der Ameisenjagd. Die Gelegenheit für ein schnelles Schinkensemmerl mit Kren war auch noch, das in Grafenegg einfach sehr gut schmeckt (ja, man kann sich tatsächlich 3 Jahre auf ein Schinkensemmerl freuen!).

Im Ehrenring haben wir diesmal nix gerissen, aber da war bei mir dann auch wirklich schon die Luft raus und ich wollte nur ins Trockene und Nachhause. Enya auch.
So gibt es auch diesmal keines der obligatorischen Siegerbildchen mit Schleife vor altehrwürdigem Gemäuer, auch wenn die Schleifen schon wieder ziemlich schick sind. Aber vielleicht im nächsten Jahr.
Und so nett der Tag war, jetzt brauche ich erst einmal eine kleine Ausstellungspause. Wobei es nach drei Klubschauen eigentlich Zeit für eine CACIB wird.
Mal sehen…

Vielen Dank für die Fotos, (c) für die Fotos liegt bei Ursula Busl und Karl Vegh bzw. Sabine Brenner/Animagi Whippets und Ula Redl.
Alle Ergebnisse finden sich hier: ÖKWZR

ÖKWZR Siegerschau Wieselburg, 21. Mai 2017

Unser Ausflug nach Wieselburg hat noch gar keine Nachlese bekommen, aber das lässt sich schnell nachholen 🙂

Sonntags ging es zeitig los, zwar wollten diesmal nur 180km bewältigt werden, aber die Whippets starteten schon um 10 Uhr und in Wieselburg läuft man immer eine Ewigkeit bis zum Ring. Und mit Ewigkeit meine ich wirklich eine Ewigkeit, so ein langgestrecktes Messegelände findet man sonst nur selten!
Also Hunde verpackt, getankt, Mario eingesammelt und los Richtung Autobahn.
Kurz vor der Auffahrt in St. Georgen am Attersee fiel uns dann ein Husky(mix?) am Straßenrand auf, der in einigem Abstand zu einem Jogger ohne Leine lief. Ich fuhr auf die Auffahrt auf, Mario bemerkte noch, „kein Halsband“, und in dem Moment fällt mein Blick in den Rückspiegel – auch der Hund läuft die Auffahrt hoch! In der nächsten Sekunde war ich schon um die Kurve und es gab natürlich keine Möglichkeit, anzuhalten oder gar umzudrehen. Es blieb nicht viel mehr zu tun, als die Polizei zu informieren und Meldung an die üblichen FB-Seiten für vermisste Hunde zu schicken, auch eine Bekannte mit Schlittenhundekontakten am Attersee habe ich angerufen.
Doof, so startet man natürlich nicht gut in den Tag und die Stimmung war etwas nachdenklich.
Zu unserem weiteren Verdruss meinte Michael vor der Abfahrt noch zu mir, ich solle die Klimaanlage im Auto nicht betätigen, da irgendwo ein Leck in der Leitung sei, das noch nicht gefunden wurde. Wir stiegen also 1,5h später im wahrsten Sinne des Wortes bibbernd im regnerischen Wieselburg aus dem Auto und machten uns auf den langen Weg in die vorletzte Messehalle – die man, wie wir jetzt wissen, aber auch von hinten über einen kleinen „Geheimeingang“ betreten kann. Gut, dass ich das nach 5 Jahren nun auch herausgefunden habe, wobei er bei unserem letzten Besuch ohnehin überschwemmt gewesen wäre 😉

An den Ringen herrschte jedenfalls schon geschäftiger Betrieb und nachdem ich €4,- nachgezahlt hatte, durfte ich die Startnummern mitnehmen. Merke, ein Veteran zählt nicht als 2. Hund. Ab dem 2. Hund zahlt man nämlich eine minimal reduzierte Meldegebühr, da man nur einen Katalog erhält 😀
Wenige Minuten später konnten wir auch schon der Richterin, Frau Marion Marpe aus Deutschland, beim Richten der Rüden zusehen.
Die war echt locker drauf und trotzdem gründlich, außerdem erstaunlich zackig. Selbes übrigens im Nachbarring.
Am Vortag hagelte es ja schon Kritik für die Ergebnisse der CACIB, aber das waren echt beste Voraussetzungen und ehe ich mich versah, standen wir schon mit den anderen Zwischenklassemädels im Ring.
Ein bisschen hab ich mich für meinen grünstichigen Hund geschämt, aber ich kam am Vortag nicht mehr zum Baden und ihre Pfötchen waren halt wie meistens grün vom Gras und die Nase hatte einen Erdrand. Mist, ging auch nicht ab und dann wurden die Zähne zu allem Überfluss extra genau kontrolliert… Aber was soll ich sagen, sind sie halt Showpüppchen und Erdferkel 😉
Als wir irgendwann von der Richterin zur Seite gewunken wurden und die anderen beiden Hündinnen nochmal laufen sollten, gabs für Lori eine Hand voll Leckerchen und ordentlich Lob. Diesmal kein erster Platz für uns.

Hoppla, oder doch? Na sowas, wieder ein V1 mit CACA!
Richterbericht:
Komplettes Gebiss, sehr schöner Typ, femininer Kopf, langer Hals, vorzügliche Brust, Winkelungen und Oberlinie, wunderschöne Bewegung, freundliches Verhalten.

Anschließend kam Enya in der Veteranenklasse an die Reihe, leider wieder alleine. Als sie auch diesmal wieder auf den Ausstellungstisch springen wollte und die Pfoten an den Rand legte, fragte ich sie:“Bist du sicher?“
Ihr Blick war echt zum Knutschen, ich hab sie trotzdem gehoben, bevor sie mir samt Tisch durch den Ring fliegt 🙂
Auch für sie gab es das V1 mit Veteranensieger, außerdem erhielt sie den ÖKWZR Veteranensieger 2017.
Richterbericht:
Knapp 9 Jahre, Gebiss ok, sehr schöner Typ, gute Linien, schöner Kopf, langer, kräftiger Hals, vorzügliche Brust und Pfoten, Winkelungen ok, sehr schönes, typisches Gangwerk.

Danach ging es ans Stechen und Runde um Runde gingen Lori und ich als Sieger hervor, sodass wir am Ende auf die Beste Hündin, den ÖKWZR Sieger 2017 und das Best of Breed blicken konnten. Zwischendurch meinte die Richterin, ich solle nicht immer so verdutzt schauen und nach dem BOB gratulierte sie mir mit den Worten: „Einfach wunderschön.“ ❤
Mehr ist eigentlich nicht zu sagen, aber ja, dekorativ in der Gegend herumstehen kann das Mausl, wie ich immer ein bisschen scherzhaft anmerke. Korrekte Hunde stehen von selbst korrekt, da braucht es kein Eingreifen. Ausstrahlung hat sie bekanntermaßen und das Gangwerk ist halt einfach der Hammer und wird sicher noch öfter überzeugen, vor allem, nachdem ich jetzt das richtige Tempo für sie gefunden habe.

Nach diesem Marathon wurden die Rosetten (die zugegeben echt schick sind, jetzt aber trotzdem in der Kiste verschwunden sind) bei unseren Galgo-Windspiel-Mali-Freunden untergebracht und wir drehten draußen ein paar Runden. Ich kann ja nicht lange in geschlossenen Räumen sein, erst recht nicht mit so vielen Menschen, das schlägt sich auf den Kreislauf 😉 Mit ein Grund, warum ich Ausstellungen in Hallen eigentlich gerne vermeide und auch Shopping überhaupt nicht leiden kann.
Diesmal kamen auch nur ein paar Knabbersachen mit und die beiden Damen durften sich einen Pansenstick zum Mittagessen einverleiben. Oder zwei, oder drei…
Wir gaben uns dagegen mit den unknusprigsten Pommes zufrieden, die ich jemals gegessen habe, die aber immerhin günstiger als eine kleine Flasche Mineralwasser waren und vegetarisch.
Oh du schräge Welt 🙂

Pünktlich begann dann der Ehrenring und beim Hinweg war schon klar: Enya ist top motiviert, sie zog mich wörtlich zu den Ringen und durfte deshalb auch eine Ehrenrunde laufen. Sie erhielt als Draufgabe nämlich das Veteranen BIS von Herrn Laurent Heinesche aus Luxemburg überreicht, da die beiden anderen gemeldeten Veteranen leider nur mit SG bewertet wurden und damit nicht in den Ehrenring durften.
Naja, auch nicht das Schlechteste 😉

Lori wurde dagegen langsam unkonzentriert, für sie war die Sache eigentlich schon gegessen und nachdem sie in dieser Woche ihren imaginären Wurftag nach der letzten Läufigkeit hatte, kann man/frau/hündin das auch verstehen. Trotzdem schlug sie sich tapfer und erreichte unter dem Richterduo Marpe/Heinesche noch das BIS4 von 9 Windhunden. Herr Laurent fragte mich dabei nach Loris Alter, und auf meine Antwort (22 Monate) meinte er doch glatt:“Aber sie war gestern nicht hier?“ Nein. Ein Seufzen von ihm. Verdammt, schoß es mir durch den Kopf, hättste doch mal gemeldet 😀
Bei der Erinnerung muss ich noch immer lachen, da war er wieder, der zart glimmende Funken des Ehrgeizes. Ich hab ihn sofort ausgetreten 😉
Das BIS1 erhielt die süße Galga Elany Perla Negra de Monte Podrido von Heidi Zäsar und weil ich Heidi und ihre bunte Familie echt gerne mag (wobei ich nicht sagen kann,ob mein Herz mehr für die Galga oder diese herrlich übermütigen und so schön bemuskelten Windspielchen schlägt), freut mich das natürlich besonders.

In Summe also ein wirklich netter Tag, alles lief flüssig, alle waren freundlich und hilfsbereit, Wieselburg mag ich als Ausstellung an sich wegen der Ruhe ja eh gern – ich denke, da komm ich doch im nächsten Jahr auch wieder 🙂
Ob wir dann allerdings erneut erfolgreich sein werden, steht in den Sternen, aber ich habe glücklicherweise gelernt, meine Erwartungshaltung abzulegen. Früher ging ich zu Ausstellungen, weil ich etwas erreichen wollte und sah die Ausstellung an sich als notwendiges Übel. Ich habs gehasst, weil die Hunde es doof fanden. Jetzt macht mir das Ausstellen an sich Freude, weil auch die Hunde Spaß daran haben, und die Ergebnisse sind weniger emotionsbehaftet.
Wir hatten diesmal eben den richtigen Typ Hund, nicht zu dick und nicht zu kurz, nicht zu substanzlos oder sonstwas. Einfach genau richtig für diese Konkurrenz und diese Richter.
Wie ich schon mehrfach schrieb: Wer seine Zucht nach Richtermeinungen auslegt, steht bereits mit einem Bein im Abgrund. Ein Richter gibt dir, wenn es ein guter und unvoreingenommener Richter ist, seine Meinung zu deinem Hund, es ist seine Interpretation des Rassestandards oder des Coursingreglements. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Apropos Richter.
Zu den Richtern ist zu sagen, dass ich beide als sehr freundlich und auch sehr nett im Umgang mit den Hunden empfand. Insbesondere Frau Marpe dürfte eine geübte Richterin sein, die weiß, worauf es ihr ankommt und sehr aufmerksam danach sucht. Generell mag ich es, wenn Richter einen aufmerksamen Eindruck machen und nicht nur ihr Programm abspulen, ohne einem ins Gesicht zu schauen. „Aufmerksames Verhalten“ ist also nicht nur bei den Hunden im Ring erwünscht 😀
Herr Heinesche sprach mich nach der Ausstellung noch an, als ich in der Nähe des Richtertischs auf Mario wartete, und fragte mich erneut nach Alter und auch Herkunft von Lori. Er erklärte dann noch, warum er bspw. eine gute Rückenlänge beim Whippet für wichtig hält und war insgesamt sehr sympathisch.
Auch hier: Gerne wieder!

Alle Ergebnisse finden sich auf der Seite des ÖKWZR: Klick mich!
Fotos: Irene Höglinger und Heidi Zäsar

Und der Husky vom Vormittag dürfte unbeschadet davongekommen sein, zumindest konnten wir nichts Gegenteiliges in Erfahrung bringen.