Kryptorchismus beim Whippet

Nach dem kleinen Update zum 7-Wochen-Geburtstag der Welpis noch was Erfreuliches: Es haben alle 6 Rüden aus dem B-Wurf bereits seit der 4. Lebenswoche 2 deutlich sichtbare Hoden 🙂

Warum mich das freut?
Kryptorchismus (Hodenhochstand) ist bei Whippets leider ein nicht zu unterschätzendes Problem, durchschnittlich sind laut Whippet Health Survey aus dem Jahr 2000 19% der Rüden betroffen, 1994 waren es noch 18%.
Die Folgen sind nicht so harmlos wie oft behauptet, es ist auf jeden Fall eine Operation und ggf. Kastration notwendig und der Rüde darf keinesfalls in die Zucht, auch nicht, wenn der Hoden z.B. durch Massage oder Hormonspritzen zum Abstieg bewegt wurde.
Hier ein guter Beitrag, auch zur Orchidopexie (Hodenverlagerung in den Hodensack), die ich mittlerweile als Mittel der Wahl für Rüden mit Hoden in der Leiste sehe, selbstverständlich mit gleichzeitiger Sterilisation (Durchtrennung der Samenleiter zur Unfruchtbarmachung).
Der Erbgang ist nicht ganz klar, polygen rezessiv/additiv scheint naheliegend und eine Beteiligung von Umwelteinflüssen scheint ebenfalls gegeben.
Das heißt, es sind mehrere Faktoren entscheidend (multifaktoriell) und es wird von beiden Elterntieren vererbt bzw. kann auch zufällig auftreten. Beim Menschen sind rund 2-3% der einjährigen Jungen betroffen und auch dort kennt man die Mechanismen noch nicht genau.

Zu unterscheiden sind nach Schweregrad:
Völliges Fehlen eines oder beider Hoden
Abdominaler Hoden (Hoden im Bauchraum), einseitig oder beidseitig
Leistenhoden, einseitig oder beidseitig
Gleithoden, der Hoden lässt sich in den Hodensack streifen, gleitet jedoch sofort wieder zurück in die Leiste
Pendelhoden/Schlupfhoden, der Hoden pendelt zwischen Leiste und Hodensack (eine OP ist nicht zwingend erforderlich)

Tritt ein Hodenhochstand in „milder Form“, also „nur“ in der Leiste auf, muss man als Züchter ggf. noch mehr recherchieren als eigentlich ohnehin schon und ev. manche Linien als Zuchtpartner für die eigenen Hunde meiden. Denn angesichts einer doch sehr hohen Rate von 19% kann man nicht einfach alle Hunde aus der Zucht ausschließen, in deren Verwandtschaft Kryptorchismus vorkommt. Das würde den Genpool selbst bei einer relativ verbreiteten Rasse wie dem Whippet unnötig und gefährlich einengen und daher plane ich auch mit Enya noch einen Wurf, obwohl bei ihrem ersten Wurf 1 Rüde von 7 Rüden einen Pendelhoden hatte, sprich, er rutschte zwischen Hodensack und Leiste hin und her.
Dies ist die mildeste Form und das Problem ist eigentlich meist mit konsequenten Massagen zu lösen, ursächlich ist ein verkürztes Hodenband, das man so dehnt und ein nicht vollständig geschlossener Kanal.
Damit „kann hund leben“, „mensch“ sollte es aber nicht unter den Tisch kehren.
Anders sieht es aus, wenn schwere Fälle vorkommen, dann muss man schärfere Konsequenzen ziehen und die Hunde aus der Zucht nehmen.
Showhunde scheinen im Übrigen häufiger betroffen zu sein als Rennlinien (Auswertung freiwillig zur Verfügung gestellter Daten deutscher Züchter, bei Interesse vermittle ich gerne Kontakt) und das Risiko/die Wahrscheinlichkeit ist je nach Wurf sehr unterschiedlich. Ein Wurf mit hohem Risiko, in dem kein betroffener Rüde fällt, trägt das Risiko trotzdem in die nächste Generation und ein einzelner Wurf mit vielleicht 3-4 Rüden sagt darüberhinaus sehr wenig aus. Daher ist es manchmal auch Unwissenheit, die zu problematischen Verpaarungen führt.
Leider wird zusätzlich nicht ganz offen mit dem Thema umgegangen, daher ist es für Züchter nicht leicht, das Risiko abzuschätzen. Auch, weil unter den Züchtern und den aktiven Windhundmenschen ein – freundlich ausgedrückt – kühles Klima und oft auch Missgunst herrscht.
Weil ich das aber wichtig finde, möchte ich gerne in Zukunft auf der Hauptseite eine kleine „Statistik“ für meine Würfe erstellen, dort findet sich dann auch Platz für dieses Thema – aber z.B. auch für „7 von 8 Welpen werden weiterhin roh/frisch ernährt“ und so Scherze 😉

Aber nochmal kurz zurück zum Kryptorchismus:
Wie oben beschrieben unterscheidet man unterschiedliche Formen, wobei die schwerste Form (beide Hoden verbleiben im Bauchraum bzw. werden gar nicht gebildet), so dachte ich immer, eigentlich so gut wie nie vorkommt. Doch mittlerweile kenne ich bereits einige Fälle und es macht mich sehr traurig, wenn ich dann sehe, dass mit Schwestern solcher Rüden und bekanntermaßen belasteten Rüden gezüchtet wird.
Jeder Hund hat das Recht auf ein Leben ohne gesundheitliche Vorbelastung und ohne eine medizinisch notwendige Amputation von Organen, womöglich mit Bauch-OP.
Mir fällt ad hoc keine Rechtfertigung für die Zucht mit solchen Whippets ein und gerade beim Whippet, der ansonsten noch relativ (aber lange schon nicht mehr so) gesund ist, hat man noch die Chance, durch kluge Auswahl der Eltern das Risiko für Hodenprobleme zu verringern.
Wer wissentlich das Risiko eingeht, darf sich dann auch nicht über andere Züchter beschweren, die brachycephale Hunderassen oder dergleichen Qualzuchten in die Welt setzen. Außerdem schadet er der Rasse auf sehr lange Sicht, so lässt sich der extrem hohe Anteil der betroffenen Rüden unter den Deutschen Schäferhunden genau auf einen Supervererber zurückführen. Ein weiterer Grund, warum man von sogenannten „popular sires“ Abstand halten sollte, die nachteiligen Effekte lassen sich u.U. durch die Vorteile (Typverbesserung, Leistung, …) nicht ausgleichen.
Eine Datenbank, in der die Daten der Wurfabnahmen eingetragen werden und die zumindest Züchtern offensteht, wäre eine wichtige Sache. Für andere Rassen wurde das längst verwirklicht. Vielleicht wirds bald was, zumindest in Deutschland, damit für die männlichen Whippets die Sache nicht ein Glücksspiel bleibt…

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6 Kommentare

  1. Ich verfolge schon seit einiger Zeit euren Blog, bin ja auch im Whippetforum unterwegs. Und ich hatte erst vor Kurzem dasselbe Thema mit einer Freundin und wir waren uns einig, dass sich da einiges ändern muss, nur wie ist die Frage. Ich kenne auch Fälle von Hodenhochstand, Hakenrippen, Herzfehlern, Epilepsie usw. und ich frage mich nicht selten, was in den Züchtern vor geht, die mit Geschwistern solcher Hunde weiterzüchten. Was haben solche Menschen davon? Warum kann man nicht einfach mit offenen Karten spielen? Man züchtet doch nicht für das liebe Geld, sondern aus Liebe zum Tier, wie kann man dann so etwas verantworten? Und die Antwort läuft wahrscheinlich doch wieder auf das Geld hinaus (obwohl man mit einer verantwortungsvollen Zucht kaum Profit machen kann)… Mich macht das nur traurig und nur zu gerne würde ich mein Wissen über gewisse Hunde öffentlich teilen, gerade auch um Neuinteressenten der Rasse die Augen zu öffnen, aber dann wird mit Anwälten gedroht. Darum wird es wohl länger so bleiben, wie es ist, dass man nötige Informationen nur dann bekommt, wenn man bereits in der Whippetszene ist und sich eine Verbindung zum Buschfunk aufgebaut hat.

    Ich bin froh, dass es doch noch aufrichtige Züchter gibt, wie euch, doch leider kann man die fast nur an einer Hand abzählen.

    Frustrierte Grüße aus Deutschland,
    Linda.

    1. Hallo Linda,

      vielen Dank für dein Lob, tut auch mal gut 😉 Aber wir machen sicher auch nicht alles richtig, den Anschein will ich mit meiner „Nörglerei“ nicht erwecken. Jeder hat/macht irgendwo seine Fehler. Nur sind solche Sachen eigentlich das Fundament einer guten Zucht und nur wenn Züchter offen miteinander sprechen und sich zusammentun, kann man den Whippet auf längere Sicht gesund, funktionell und standardgerecht halten. Außerdem ist es wichtig, dass die Käufer der Welpen mitdenken und nicht die Verantwortung abschieben, dass sie (im besten Falle unabhängig) aufgeklärt werden über die Besonderheiten der Rasse, die Vor- und Nachteile.
      Ich denke, dass man am ehesten die anderen zu Offenheit motiviert, wenn man selbst offen ist, daher möchte ich Reizthemen wie Kryptorchismus, Übergröße („Untergröße“ wiegt übrigens gleich schwer!), Wesensauffälligkeiten, Farbverdünnungsalopezie, Katarakt und generell Gesundheitsprobleme thematisieren. Unglaublich gesund, heißt es bei manchen Züchtern. Ja, unglaublich…
      Und weil ich die 13 Sünden von Sommerfeld-Stur so treffend finde, die nämlich bis auf eine Ausnahme alle auch auf den Whippet passen:

      Die erste Sünde: Kleine Hunde zu klein und große Hunde zu groß zu züchten
      Die zweite Sünde: Hunde mit extremen Körpermaßen und Körperformen zu züchten wie z.B.: zu kurze Nasen, zu kurze Beine, zu lange Ohren, Hautfalten oder Pigmentierungsstörungen (!)
      Die dritte Sünde: Hunde miteinander zu verpaaren, die eng miteinander verwandt sind (!)
      Die vierte Sünde: Hunde miteinander zu verpaaren bei denen gleiche genetische Belastungen bekannt oder zu vermuten sind (!)
      Die fünfte Sünde: Viele Hündinnen an ein und denselben Championrüden zu verpaaren (!)
      Die sechste Sünde: In erster Linie auf den eigenen Hund zu schauen und die Population dahinter zu ignorieren (!)
      Die siebte Sünde: Mehr auf Ausstellungserfolge zu achten als auf Gesundheit (!)
      Die achte Sünde: Gesundheitsprobleme, die in der Rasse auftreten, zu ignorieren oder zu unterschätzen (!)
      Die neunte Sünde: Gesundheitsprobleme, die in der eigenen Linie auftreten, zu verschweigen (!)
      Die zehnte Sünde: Die eigenen Hunde durch die rosarote Brille zu betrachten, Hunde anderer Züchter hingegen überkritisch zu beurteilen (!)
      Die elfte Sünde: Vorübergehenden Modeströmungen in der Interpretation des Rassestandards zu folgen statt auf langfristige und funktionell orientierte Zuchtziele zu setzen (!)
      Die zwölfte Sünde: Zu vergessen, dass der Hund von einem Beutejäger abstammt und daher zumindest grundsätzlich in der Lage sein sollte Beute zu jagen und zu fangen (!)
      Die dreizehnte Sünde: Zu vergessen, dass Hunde Schmerz und Unbehagen empfinden, so wie wir Menschen auch, dass sie aber nicht immer in der Lage sind, diese Empfindungen entsprechend zu kommunizieren (!)

      http://sommerfeld-stur.at/intro/suenden

      LG

  2. Ja die Liste mit den Sünden fand ich auch sehr treffend und natürlich kann man Fehler nicht vermeiden, wir sind ja alle nur Menschen 😉 aber mein Verständnis für Fehler hört dann auf, wenn eine Hakenrippe bei einem 10 Wochen alten Welpen bei der Abgabe als „Impfknubbel“ dargestellt wird. :((

    Liebe Grüße!

    1. Das ist selbstverständlich vom Züchter absolut nicht in Ordnung, da geht es offenbar nur darum, den vollen Welpenpreis einzustreichen.
      Welpenkäufer sollten sich das Abnahmeprotokoll bei der Übernahme des Welpen zeigen lassen und im Kaufvertrag sollten solche offensichtlichen Sachen festgehalten werden, z.B. wenn der 2. Hoden nicht bis zum 6. Lebensmonat absteigt, wird 1/3 (oder wieviel auch immer) des Kaufpreises erstattet. Oder eine ähnliche Vereinbarung, an die man sich dann auch hält.
      Auf der anderen Seite ist man als Züchter auch enttäuscht, wenn der neue Besitzer nichts tut, um bspw. einen Pendelhoden zu behandeln, sprich zumindest massiert oder von der Rückerstattung eine Orchidopexie durchführt…
      Schwieriger wird die Sache bei nicht offensichtlichen Mängeln. Aber dafür gibts dann eher Ratgeber wie „Rechtsratgeber für Hundezüchter: Die wichtigsten Rechtsvorschriften für die Züchterpraxis“ 😉

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