Kann man Ernährung überschätzen? Über Fasten, HD, DCM und freundliche Mikroorganismen

Warum poste ich auf Facebook eigentlich so gerne über Futter?

Weil Futter einfach die Basis der Gesundheit ist.

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„Du bist, was du isst.“
Das bestätigt sich durch die laufende Forschung immer mehr.
Wir können über das passende Futter in der passenden Menge (und ausreichend Bewegung) zwar weit nicht alles heilen, aber viele Erkrankungen können gelindert werden oder treten gar nicht erst auf. Und das betrifft nicht nur Allergien gegen Futter oder die Folgen eines massiven Übergewichts.

Für Zuchthunde ist eine hochwertige und in der Menge angemessene Fütterung besonders wichtig, denn die Ernährung wirkt über epigenetische Mechanismen sogar auf die Gene unserer Hunde, und fördert in ungünstigen Fällen Übergewicht, Stoffwechselerkrankungen, Herz-Kreislauferkrankungen, Krebs usw.
Schon lange ist bspw. auch bekannt, dass die Futtermenge und die Häufigkeit der Fütterung Einfluss auf die Gesundheit und die Lebenserwartung hat. Anfangs an Tiermodellen untersucht, laufen nun auch Studien am Menschen, eine große Studie z.B. an der Uni Graz.
Bei Tieren zeigt sich, dass eine Kalorienrestriktion, also eine um mind. 10% reduzierte Futtermenge im Gegensatz zur ad libitum Fütterung, die Lebensspanne deutlich verlängern kann. Intermittierendes Fasten ist ein sehr spannendes Forschungsgebiet und wer sich allgemein für Forschungsergebnisse zum Thema Ernährung interessiert, kann bei einem der Verantwortlichen für die Studie in Graz, Frank Madeo, auf FB vorbeischauen.

In diesem Zusammenhang finde ich auch eine Beitrag von Carol Beuchat vom Institute of Canine Biology interessant, in dem sie eine Arbeit zur Hüftgelenksdysplasie aus 2006 zitiert. Eine Arbeit, die anscheinend zu wenig bekannt ist: Eine restriktive Fütterung senkt das Risiko für HD massiv – und verlängert deutlich die Lebenserwartung.

Für diese Studie wurden 48 Labrador Retriever aus 7 Würfen in einer Forschungseinrichtung aufgezogen, davon erhielt die Hälfte ad libitum Fütterung (also Futter nach Belieben bzw. eine normale Futtermenge), die andere Hälfte bekam um 25% weniger Futter.
Sie schreibt auf ihrem Blog, dass bei den Labrador Retrievern, die mit der normalen Menge an Nahrung gefüttert wurden, mehr als die Hälfte der Hunde bereits im Alter von 6 Jahren eine Hüftgelenksdysplasie hatten und der Großteil dann im Alter von 12 Jahren. In der Gruppe, die weniger gefüttert wurde, war die Hälfte der Hunde mit 12 Jahren noch frei von HD!
Die Hunde in diesen beiden Gruppen waren Wurfgeschwister, sodass die Genetik nicht für die großen Unterschiede in der Entwicklung der HD verantwortlich war – es war die Futtermenge.
Und: Die reduziert gefütterte Gruppe litt nicht nur unter weniger Schmerzen und Mobilitätsverlust, sie lebte auch länger. Nur etwa die Hälfte der Kontrollgruppe lebte länger als 11 Jahre und nur 30% überlebten bis zum Alter von 12 Jahren.
Aber etwa 75% der Hunde in der Behandlungsgruppe überlebten bis zum Alter von 11 Jahren und 50% bis 13 Jahre!

Ist das nicht Ansporn genug, den eigenen Hund schlank und fit zu halten?
Denn das ist nur eine von vielen Studien, die nahelegen, Tiere und Menschen nicht zu überfüttern, schlank zu bleiben, regelmäßig sportlich aktiv zu sein und bei allem etwas Maß zu halten. Hunde brauchen dazu uns Menschen, sie können nicht selbst bestimmen, was wie oft und in welcher Menge in ihrem Napf landet oder wann sie sich wie viel bewegen dürfen…

Ich selbst praktiziere quasi mein ganzes Leben schon intermittierendes Fasten, weil ich das Frühstück immer schon als unnötig und belastend empfand, und achte jetzt eben etwas mehr darauf (16h fasten, 8h essen, also das Frühstück bleibt aus).
Auch die Hunde fasten gelegentlich, indem das Abendessen ausfällt, wie ich kürzlich hier berichtet habe. Das verträgt zwar nicht jeder Hund ohne Probleme, aber alle unsere Hunde (als ehemalige Sporthunde sind sie das gewohnt, denn Windhundsport betreibt man nüchtern), und als Züchter muss ich gestehen, dass ich eine gewisse Robustheit in Sachen Nahrungsaufnahme für absolut zuchtrelevant halte.
Weder dürfen bei einem Zuchthund Unverträglichkeiten/Intoleranzen, noch Allergien oder andere Erkrankungen oder Auffälligkeiten des Verdauungssystems vorliegen. „Schwierige Fresser“ sind auch nicht unbedingt der Hit, auch das kann organische Ursachen haben (die Bauchspeicheldrüse steht momentan sehr im Fokus beim Whippet), und die Fressgewohnheiten der Mutter werden ebenfalls auf die Welpen übertragen, teilweise schon im Mutterleib. Genauso kommt übrigens das Starterset des Mikrobioms, also die Mikroorganismen, die den Körper (innen wie außen) besiedeln und ohne die kein Hund/Mensch lebensfähig wäre, von der Mutter und dem Umfeld der Welpen.
Diese Mikroorganismen stellen Vitamine, Hormone und viele weitere Stoffe für uns her, und zwar aus dem, was wir ihnen über die Nahrung füttern. Füttern wir „die Guten“, siedeln sie sich an. Füttern wir „die Schlechten“, gibt es oft Probleme.
Welche Lebewesen Hunde im Darm (und sonstwo) mit sich herumtragen, hat zahlreiche Auswirkungen auf den Körper, beim Menschen assoziiert man verschiedene Bakterienstämme z.B. mit Übergewicht, Diabetes etc.
Frank Madeo schreibt dazu auf der erwähnten Seite:

„Wir lernen in jüngster Zeit, dass zahllose Effekte auf Laune und Gesundheut aus dem Darm kommen: Depressionen, Autismus, Krebsprotektion, Immunfunktion: Alles scheint dadurch gesteuert oder zumindest manipuliert zu werden, was die Darmbakterien ins Blut geben.
Eine neue Studie zeigt, dass unverdauliche Pflanzenfaser, wie sie z.B. in Obstschalen oder den Strünken des Sellerie (oder Fenchel) oder der Haut der Paprika oder genau dem Teil des Rucola, den man gerne wegschneidet, vorkommen, dazu führt, dass Darmbakterien vorwiegend kurzkettige Fettsäuren produzieren, die dann im Blut das Immunsystem stärken. Dabei bewirkt die holzige Pflanzenfaser sowohl die Verbesserung es Zustandes chronischer Infektionen, als auch akuter Infektionen wie Grippe.
https://www.cell.com/immunity/fulltext/S1074-7613(18)30191-2“

Quelle

Auch deshalb sind Gemüse und Obst unverzichtbare Bestandteile der Hundeernährung 🙂

Und noch ein Nachsatz:
Hunde sind Kulturfolger, sie haben über die Jahrtausende nur überlebt, weil sie sich von den spärlichen Abfällen und den Ausscheidungen der Menschen ernährt haben, und dazu benötigt es ein robustes Verdauungssystem.
Sie teilen sich mit uns die Nahrungsquellen und haben sogar in den entsprechenden Regionen die Fähigkeit entwickelt, Stärke zu verdauen. Etwas, was Wölfe nur sehr eingeschränkt können. Und trotz dieser genetischen Anpassung können das nicht alle Hunde, worauf man Rücksicht nehmen muss. Bei Menschen ist es übrigens ähnlich wie bei Hunden, Menschen aus Regionen mit viel Ackerbau haben mehr Amylase-Genkopien, als Menschen aus Regionen ohne besonders stärkehaltige Ernährung. Und der Schimpanse hat, wie der Wolf, nur zwei – beide sind aber nicht die Vorfahren heutiger Menschen oder Hunde, nur der Vollständigkeit halber. Man ist trotzdem beim Menschen von der alten Ernährungspyramide mit Basis „stärkehaltige Lebensmittel“ abgekommen, weil der epidemische (eher pandemische) Ausbruch sog. Zivilisationskrankheiten maßgeblich von der Ernährung bestimmt wird.
Es gibt daneben bspw. Arbeiten, die darauf hinweisen, dass zu viel Stärke im Futter auch negative Auswirkungen auf Windhunde haben kann.
Muskelkrämpfe wurden im Zusammenhang mit Kohlenhydratfütterung beschrieben (Nutrition for the Racing Greyhound (Kohnke, 1994)), die sich vor allem durch verhärtete Muskeln im Rücken äußern. Diese können durch Reduzierung des Anteils an Getreide im Futter behoben werden. Vermutet wird, dass eventuell die im Getreide und Hülsenfrüchten (oft im Futter: Soja und Erbsen) enthaltene Phytinsäure die mit dem Futter aufgenommenen Mineralstoffe wie Calcium, Magnesium, Eisen, Zink u.a. bindet, und so zu einem Ungleichgewicht führt.
Ganz aktuell gibt es einen großen Skandal um getreidefreie Futtersorten in den USA, die mit DCM (Dilatativer Kardiomyopathie) in Verbindung gebracht werden.
Der Grund dafür ist, dass Taurin für die Herzfunktion fehlt.
Das kam bereits vor Jahren bei Fertigfutter für Katzen vor, seitdem ist dieses mit Taurin angereichert – beim Hundefutter ist das nur in Spezialfuttern der Fall. Denn Katzen können Taurin nicht selbst herstellen, Hunde eigentlich schon.
Man ist sich noch nicht ganz sicher, warum genau es trotzdem zu Problemen und leider vermutlich auch zu zahllosen Todesfällen kam.
Liegt es daran, dass die Hülsenfrüchte die Aufnahme der essentiellen Aminosäuren blockieren, aus denen der Körper Taurin bildet? Liegt es daran, dass durch den hohen Anteil an pflanzlichen Eiweißen zu wenig dieser Aminosäuren im Futter vorhanden sind (das Aminosäureprofil von Eiweiß aus Pflanzen und Fleisch unterscheidet sich, Pflanzenproteine enthalten nicht alle essentiellen Aminosäuren)? Oder blockieren Stoffe aus den Hülsenfrüchten selbst die Synthese im Körper? Wir werden sehen.
Es ist jedoch erneut ein Grund darauf hinzuweisen, abwechslungsreich zu füttern und sich nicht auf ein einziges Fertigfutter zu verlassen. Das mag weder das Mikrobiom, noch ist das „bedarfsgerecht ausgewogen“.

Und um auf das Fasten und die Verträglichkeit von ausgefallenen Mahlzeiten zurückzukommen: Niemand sagt, dass die Hunde „früher“ ansonsten gesund waren oder lange überlebten, aber sie waren gesund und alt genug, um sich erfolgreich fortzupflanzen – und sind von tagelangem Hungern, einer verwesenden Maus oder Exkrementen nicht gleich mit Durchfall und Erbrechen tot umgefallen 😉
Wer heute auf eine (!) ausgefallene Mahlzeit mit Magenschmerzen, Erbrechen oder gar einer Gastritis reagiert, ist in meinen Augen kein robuster, gesunder Hund. Ob das an der Ernährung liegt oder nicht, muss man dann eben überprüfen.

Nach Griechisch (ein Milchkitz von einem nahegelegenen Biohof und Tzatziki) gab es heute, passend zum heißesten Tag des Jahres, Italienisch bei uns 😉
Muskelfleisch mit einem guten Fettanteil, dazu
Basilikum: enthält Vitamine, Mineralstoffe und sekundäre Pflanzenstoffe, die entzündungshemmend und entspannend auf Magen und Darm wirken
Haferflocken: enthalten ebenfalls Vitamine und viele Mineralstoffe, außerdem viel Zink, Eisen und Ballaststoffe für den Darm und seine Bewohner (das Mikrobiom) und liefern Kohlenhydrate
passierte Tomaten: Tomaten sind nicht giftig für Hunde, wenn nicht die grünen Teile verfüttert werden, und enthalten wertvolles Lycopin, eines der wirkungsvollsten Antioxidantien, die in Kombination mit anderen Substanzen in der Tomate u.a. vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs schützen, außerdem sehr viel Kalium und Vit C
natives Olivenöl: enthält ebenfalls wieder Antioxidantien wie Vitamin E und sekundäre Pflanzenstoffe wie Polyphenole, wirkt entzündungshemmend usw.
ein guter Schuss warmes Wasser: ohne Wasser läuft nix, weicht außerdem die Haferflocken ein und bringt das Futter auf Fresstemperatur

Abwechslung ist ein Muss, egal ob Frisches, Veganes oder Fertigfutter unterwegs.

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