Gedanken zu Züchterwahl

Ein *repost* mit Add on:
Vor 6 Jahren habe ich den Artikel „Gedanken zur Züchterwahl“ hier gepostet, der später auf der HP unter „Augen auf! Gedanken zur Züchterwahl“ eine eigene Seite bekam. Da ich in den vergangenen Monaten aufgrund der Wurfplanung natürlich noch mehr Anfragen hatte als sonst, die Warteliste für den kommenden Wurf aber bereits lang ist, muss ich meistens auf andere Züchter bzw. Zuchtverbände verweisen. Damit das nicht in die Hose geht und Züchter gefördert werden, die ich selbst schätze, gibt es kein „Gehen Sie doch/nicht zu xy“, sondern ich setze auf Eigenverantwortung und schicke diesen Text mit 😉
Nachdem ich selbst selten Würfe plane und Interessenten mehrheitlich über Empfehlungen kommen, sehe ich andere Züchter nicht als Konkurrenz.
Diese Gedanken zur Züchterwahl werden also hoffentlich als das gesehen, was sie sind: Meine persönlichen Überlegungen, die aus dem ehrlichen Bestreben heraus entstanden sind, Menschen bei der Suche nach einem verantwortungsvollen Züchter zu helfen, der seinen Zuchthunden und den Welpen optimale Bedingungen für ein möglichst langes, gesundes und glückliches Leben bietet. Die Hunde haben sich das verdient, denn sie können nicht wählen.

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Leider findet seit einigen Jahren eine Entwicklung statt, die vielen Liebhabern der Rasse Whippet Kopfzerbrechen bereitet.
Namentlich sind das die drastisch gestiegenen Wurfzahlen, die mittlerweile regelmäßig anzutreffenden Kleinanzeigen mit “günstigen” Welpen ohne Papiere (aus sog. Schwarzzuchten) oder mit Papieren von Nicht-FCI-Vereinen (ehem. als Dissidenz bezeichnet), die vielen Whippets in Notvermittlungen und immer wieder die entlaufenen und, teilweise aus Unkenntnis über rassetypisches Verhalten, verunfallten Whippets.
Auch die Gesundheit der Rasse steht auf dem Spiel, längst ist nicht mehr alles so rosig wie gerne dargestellt (siehe z.B. Kryptorchismus/Hodenhochstand bzw. hierAnalyse der Situation im DWZRV, Herzuntersuchung, Augenuntersuchung, Genetische Diversität bei MyDogDNA oder Genomweite DNA-Analyse und andere Beiträge).

Die Verantwortung für das Wohl einer Rasse sehe ich daher zu einem großen Teil auch beim Käufer, er muss dort kaufen, wo Qualität vor Quantität geht, so eigenartig sich das leider anhört, wenn man von Lebewesen spricht.
Der günstigere Preis, die Verfügbarkeit oder die ausgefallene Farbe dürfen bei der Wahl eines Hundes keine große Rolle spielen – viel zu oft fällt das negativ auf den Käufer und vor allem auf die Hunde zurück!

Denn nur eine gesunde, vorzüglich ernährte, ausgewachsene und wesensfeste Hündin mit vollem Familienanschluss, die bei einem Züchter lebt, der so wenige Hündinnen und so wenige Würfe hat, dass er sich voll und ganz auf den einen Wurf und die Mutter konzentrieren kann, wird Welpen hervorbringen können, die ebenfalls gesund, wesensfest und menschenbezogen sind und sich gut entwickeln.

Wer einen Züchter sucht, sollte sich also genau informieren und hartnäckig hinterfragen. Denn der Ansatz, einen Welpen von einem Züchter zu kaufen, der sich einem Zucht- und Rassestandard unterwirft, ist zwar ausgesprochen lobenswert, jedoch nur die halbe Miete.
Die jeweilige Zuchtordnung der Vereine innerhalb der FCI gibt einen Rahmen vor, der allerdings sehr weit gesteckt ist und Mindestanforderungen bzw. höchstzulässige Wurfzahlen, Höchstalter der Hündin usw. sind oft als genau das zu verstehen – Minimum und Maximum, aber nicht das Ideal.
Hinzu kommt, dass auch die FCI und ihre angeschlossenen Landesverbände mit den einzelnen Rasseclubs nur Vereine sind, in denen es quasi naturgegeben ganz schön menschelt und (siehe bspw. “Pedigree Dogs Exposed”) nicht immer das Wohl der Hunde an erster Stelle steht.

Bücher wie „Frühförderung für Welpen: Der Züchter hat es in der Hand“ sind in meinen Augen Standardliteratur für jeden, der sich einen Hund zulegen möchte und keinen Hund aus zweiter Hand nimmt. Für Züchter sollte es ohnehin zu einem der meistgelesenen Ratgeber gehören…

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Ares

Als Orientierung kann man sich (und dem Züchter) folgende Fragen stellen:

Wie viele Würfe fallen pro Jahr in der Zuchtstätte?
Ein Wurf bedeutet mindestens 3-4 Monate 24/7 Betreuung und viel, viel Nachsorge! Einige Zuchtverbände (z.B. Eurasier) beschränken daher auf 1-2 Würfe pro Jahr/Zuchstätte, um eine optimale Betreuung zu sichern.

Wie viele Hunde leben im Haushalt und wo?
Haus, Garten, Zwinger, aber auch Zimmerkennel, Hunderaum etc.
Ist Familienanschluss möglich und gegeben, auch für die Welpen, um eine optimale Sozialisierung zu gewährleisten? Geht der Züchter regelmäßig spazieren und lastet die Hunde rassegerecht aus, macht er vielleicht Sport, besucht er Ausstellungen, haben die Hunde Prüfungen abgelegt oder gar Arbeitstitel (Stichwort “Multi Purpose Whippet” z.B. im WCD) erlangt? Whippets sind Jagdgebrauchshunde und werden zum Teil noch so geführt (siehe „Von Hasen und Kaninchen“ und „S&L Part II“), es sind keine anspruchslosen Sofahunde, auch nicht die “Showlinien”!
Wer euch etwas anderes erzählt, ist unseriös.
Wir persönlich bevorzugen die sogenannte Zucht auf “Schönheit & Leistung” mit dem Schwerpunkt “sportlicher, wesensfester Begleithund”.

Welche Gesundheitsuntersuchungen wurden gemacht und warum?
Noch ist der Whippet eine relativ gesunde Rasse, aber das soll ja auch so bleiben. Eine gründliche Herzuntersuchung mittels Ultraschall und eine Augenuntersuchung sehen wir als Pflicht für jeden Sport- und Zuchthund an, so lautet auch das Ergebnis der Studie zur Herzgesundheit bei Whippets, an der wir mit unseren Hunden und Nachkommen teilgenommen haben. Ohne entsprechende Untersuchungen der Eltern würde ich keinen Welpen mehr kaufen, denn das ist das absolute Minimum, das vom Züchter erbracht werden kann.
Die Ergebnisse unserer Hunde und der Nachkommen finden sich unter der Rubrik Erfolge auf der HP oder im Breed Archive (z.B. Lori).
Da mir die Gesundheit der Rasse Whippet sehr am Herzen liegt und ich für Offenheit bin, enthält das Welpenpaket zukünftig auch einen Gutschein für eine Gesundheitsuntersuchung (einzulösen auf Herz- und Augenuntersuchungen oder eine genomweite DNA-Analyse).

Weiters: Welche Krankheiten hatten die Mutter, der Vater, die Großeltern, die sonstigen Verwandten? Wie sieht es bei diesen mit Titeln, Prüfungen, sportlichem Einsatz, Untersuchungen aus? Sind von ihnen einige vielleicht früh gestorben und warum?

Hierzu gehört auch: Klärt der Züchter über rassespezifische Erkrankungen, Verhaltensweisen und Besonderheiten auf?
Darauf einzugehen würde hier den Rahmen sprengen, was aber auch zeigt: Mit einem kurzen Gespräch ist es hier nicht getan!

Wie viele Würfe trägt eine Hündin aus und welcher Abstand liegt zwischen den Würfen?
Laut Zuchtordnung der einzelnen Vereine dürfen es bis zu 4-5 Würfe pro Hündin sein und je nach Wurfstärke müssen 12 bis 18 Monate zwischen zwei Würfen liegen. In meinen Augen und nach meiner Erfahrung sollten einer Hündin in jedem Fall zumindest 2 Läufigkeiten ohne Bedeckung zugestanden werden, da Whippets zu längeren Zyklen neigen (unsere Hündinnen liegen zwischen 8 und 11 Monaten). Dann weiß man auch mehr über die Entwicklung des vorangegangenen Wurfes.
Jährlich die selbe Hündin zu decken, bis sie mit spätestens 8 Jahren aus der Zucht ausscheidet, ist definitiv nicht seriös. Für mich persönlich liegt das Limit bei 2-3 komplikationslosen Würfen.

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Wie alt war die Hündin beim 1. Wurf?
Laut Zuchtordnung (ÖKWZR und WCD, DWZRV) müssen Whippets und Italienische Windspiele als kleinere Windhundrassen mindestens 18 Monate bei ihrem ersten Zuchteinsatz sein. Für alle anderen Rassen liegt das Mindestalter bei 23 Monaten. Bedenkt man, dass der Whippet ein Spätentwickler ist und viele Hündinnen erst mit 15-20 Monaten geschlechtsreif werden (sprich die 1. Läufigkeit erleben) und weitere 2-3 Läufigkeiten benötigen, um körperlich und geistig auszureifen, so sollte auch jedem Laien klar sein, dass eine zu frühe Belegung einen Nachteil für die noch nicht fertig entwickelte Hündin und deren Welpen darstellt. Ich habe vor längerer Zeit darum ersucht, das Mindestalter bei den Whippets ebenfalls auf 23 Monate anzuheben, was von den anderen Züchter angenommen wurde. Ob es in die Zuchtordnung aufgenommen wird, weiß ich nicht.
Allerdings darf die Mutterhündin auch nicht zu alt werden, hatte sie bis zum 6. Lebensjahr keinen Wurf, darf sie danach aus gesundheitlichen Gründen (z.B. mögliche Komplikationen bei der Geburt) nur mehr in Ausnahmefällen gedeckt werden.
Ein weiteres wichtiges Argument für eine spätere Erstbelegung ist auch, dass die Hündin sich erst als “zuchtwürdig” erweisen sollte. Gesundheit, Wesen, Leistungsfähigkeit, das mit Blick auf Geschwister, Halbgeschwister, Eltern – ein zu früher Zuchteinsatz lässt das alles oft zwangsweise unberücksichtigt. Für Rüden gilt dieser letzte Punkt ebenfalls, es spricht viel für den Einsatz älterer Rüden und wenig bis nichts dagegen.

Welchen Deckrüden wählt der Züchter und warum? Wie oft wird dieser eingesetzt und in welchen Zuchstätten?
Stichwort “Popular Sire-Effekt” – um eine Rasse gesund zu erhalten, ist eine hohe genetische Varianz und ein niedriges Inzuchtniveau unabdingbar.
Werden einzelne Hunde und deren Nachkommen zu häufig in der Zucht eingesetzt, hat dies in den kleinen Populationen immer negative Konsequenzen (auch hier „Wie aus dem Nichts? Was wir aus Gendefekten lernen könnten“). Bei einigen Rassen gibt es bereits ein entsprechendes vereinsinternes Management, oft gekoppelt mit einer Zuchtwertschätzung, beim Whippet derzeit nicht.
Gesundheit, Funktionalität und Wesen sollten für einen Züchter die mit Abstand wichtigsten Kriterien bei der Wurfplanung sein, erst danach kommt die Optik.

Daher: Wie hoch ist der COI und AVK?
Beim Whippet kann man den Inzuchtkoeffizienten (COI) und den Ahnenverlust (AVK) leicht im “Whippet Breed Archive” kontrollieren, bzw. sollte ein Züchter diese Angaben gleich bei der Planung veröffentlichen. COI und AVK sollten möglichst niedrig liegen, der COI idealerweise unter 6,25% auf 10 Generationen und Inzucht über 6,25% auf 5 Generationen sollte unterbleiben (bei Interesse empfehlenswert: div. Publikationen von Prof. Dr. Hellmuth Wachtel und Prof. Dr. med. vet. Irene Sommerfeld-Stur, Tierzucht und Genetik, Uni Wien).
Auch für die allgemeine Recherche eignet sich das Projekt Breed Archive perfekt, z.B. finden sich dort quasi alle Hunde mit vielen wichtigen Angaben wie Geburtsdatum, Sterbedatum, Titeln, Lizenzen, Größe, Gewicht, Nachkommen, …
Einfach über “Persons” oder “Dogs” den gewünschten Zwinger oder Hund suchen.
Um sich nicht auf Papier bzw. eine Datenbank für Pedigrees verlassen zu müssen und abklären zu können, ob zwei Hunde auch in ihrer genetischen Ausstattung gut zusammenpassen, kann mit Genanalysen viel gemacht werden. diese sind sehr preisgünstig und ein Backenabstrich reicht für die Analyse aus. Der Schwerpunkt der Analysen für die sog. genetische Diversität liegt auf dem Bereich, der für das Immunsystem codiert. Vielfalt ist hier besonders wichtig, da Autoimmunerkrankungen im Vormarsch sind, und das liegt zu einem großen Teil an den aktuellen Zuchtpraktiken der Linienzucht/Inzucht innerhalb einer Rasse. Mehr dazu im Artikel zu MyDogDNA.

Wie ernährt der Züchter die Hunde und Welpen?
Wenn Züchter bspw. Discounterfutter verteidigen, weil es ja so gut bei Stiftung Warentest abgeschnitten hat, dann haben sie offenkundig keine Ahnung von Hundeernährung und das billigste Futter ist ihnen gerade gut genug. Wir persönlich ziehen aus Erfahrung Rohfutter vor, aber da sollte sich jeder seine eigene Meinung bilden!
Die Ernährung beider Elterntiere und der Welpen ist jedoch ein wichtiger Punkt, wie zahlreiche Studienergebnisse zu epigenetischer Vererbung zeigen. Die Nutrigenomik ist ein boomender Forschungsbereich.
Dass auch Stress vor und während der Trächtigkeit bei beiden Elterntieren und bei der Mutter während der Aufzuchtphase unbedingt vermieden werden muss, lässt sich ebenfalls aus Forschungsergebnissen ableiten (z.B. Epigenetik und Angstverhalten)

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Wie impft und entwurmt der Züchter die Welpen und warum macht er das so wie er es eben macht? Welche Körperpflegerituale werden bereits wie gelernt?
Stichwort Medical Training oder Impftiterbestimmung.
Jeder Züchter hat seine eigene Vorstellung von Gesundheitsvorsorge, zu der u.a. auch Impfungen, Zahnpflege und Krallenpflege gehören, auch hier darf hinterfragt werden, was für einen selbst am besten passt.

Zu guter Letzt, wie ist die Sozialisierung und der Umgang mit den Hunden?
Vorne hui, hinten pfui? Man sieht und lernt oft die erstaunlichsten Dinge, wenn man nur mit offenen Augen durch die Welt geht… Auf Hörensagen sollte man allerdings weniger geben, lieber sich selbst ein Bild machen und handfeste Fakten überprüfen.

Die Überlegung, was für einen selbst gute Hundehaltung ausmacht und welche Kriterien ein Züchter persönlich erfüllen sollte, ist also sehr wichtig!
Es dauert so vielleicht länger, bis man seinen Züchter gefunden hat, aber es lohnt sich wirklich. Schließlich gehört der Hund dann hoffentlich viele Jahre zur Familie und als Käufer hat man es in der Hand, wie mit den Zuchthunden umgegangen wird.

Auf meiner HP, dem Blog und der FB-Seite versuche ich, alle diese angesprochenen Punkte und noch viel mehr für alle nachvollziehbar zu machen.
Wer die Wurfplanung liest, wird das hoffentlich erkennen 😉

Aber Vorsicht beim Kennenlernen, wenn in der Zuchtstätte gerade Welpen herumkullern, wird es schwer fallen abzulehnen, selbst wenn die Voraussetzungen nicht wirklich den eigenen Vorstellungen entsprechen. Mitleidskäufe fördern nur die Produktion von Welpen.
Idealerweise lernt man daher die Mutter (Eltern, Großeltern und andere Verwandte) und das Umfeld vor dem Wurf kennen.

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