Suprelorin – mehr als nur ein „Kastrationschip“

Da ich immer wieder zu den Einsatzbereichen von Suprelorin befragt wurde und es neulich Thema einer Züchterschulung war, möchte ich dem Wunsch nach einem kurzen Beitrag heute gerne nachkommen.

Die chemische Kastration hat in der Tiermedizin bereits eine lange Tradition.
Vor 30 Jahren ließ mein Vater unseren Malamuterüden mit einer „Kastrationsspritze“ vorübergehend unfruchtbar machen, das Ergebnis könnt ihr hier bewundern:

Mein Vater stieg daraufhin auf die Sterilisation des Rüden (Vasektomie) um, eine noch ältere, effektivere und nebenwirkungsärmere Form der Unfruchtbarmachung 😉

Die alten „Hormonspritzen“ sind künstliche Geschlechtshormone, die die Rezeptoren blockieren bzw. die Wirkung der körpereigenen Geschlechtshormone aufzuheben versuchen. Die Ausdrücke „Läufigkeit wegspritzen“ oder „Pille“ und „3-Monats-Spritze“ für die Hündin sind ebenso geläufig und Hormonspritzen wirken, indem die Läufigkeit oder der Eisprung unterdrückt werden.
Mit Suprelorin haben diese Hormonspritzen jedoch nichts zu tun und das ist wichtig zu erwähnen, denn mit Recht sind diese Methoden als unsicher und nebenwirkungsreich (Tumore, Zystenbildungen, Gebärmutterentzündungen usw.) verschrien.

Das Suprelorin-Implantat mit dem Wirkstoff Deslorelin wird häufig als Kastrationschip für Rüden bezeichnet und die Art der Applikation erinnert auch an den Chip, den mittlerweile ja alle unsere Hunde tragen sollten.
Man setzt das weiße, längliche und 1,2cm bzw. 2,4cm große Implantat nämlich mit einer scharfen Kanüle unter die Haut des Hundes, und zwar zwischen die Schulterblätter, wo es über Monate bis Jahre hinweg seinen Wirkstoff abgibt und sich irgendwann auflöst. Also meistens.
Der etwas kleinere Transponder/Chip aus Glas zur Identifikation des Hundes wird auf die selbe Art links oder rechts am Hals platziert und macht dort gar nichts, außer manchmal zu wandern.
Das Suprelorin-Implantat kann dagegen sogar noch mehr, als nur einen Rüden unfruchtbar zu machen und den Testosteronspiegel zu senken, ihn also chemisch zu kastrieren.
Deshalb ist die Bezeichnung „Kastrationschip“ für mich nicht wirklich stimmig und ich werde den Begriff „Implantat“ verwenden, es meint aber das selbe Produkt.

Vergleich Chip und Implantat
Vergleich Chip und Implantat

Zuerst möchte ich kurz erklären, wie Deslorelin wirkt, damit ihr die Anwendungsmöglichkeiten auch nachvollziehen könnt:

Deslorelin ist ein GnRH-Analogon bzw. GnRH-Agonist, das heißt, es ist eine künstliche Form des Hormons GnRH und wirkt im Körper wie dieses, allerdings ca. 150-fach stärker als natürliches GnRH!
GnRH ist ausgeschrieben noch viel umständlicher auszusprechen, nämlich gonadotropin releasing hormone, und wichtig ist eigentlich nur zu wissen, was der Name aussagt: GnRH wirkt im Gehirn, indem es die Hypophyse (eben eine Hormondrüse) anregt, die Hormone FSH und LH auszuschütten. FSH (Follikelstimulierendes Hormon) und LH (Luteinisierendes Hormon) regulieren die Produktion von Eizellen (eben Follikeln) und Spermien und die der Geschlechtshormone Östrogen und Testosteron.

Und damit sind wir auch schon bei einem Knackpunkt: Deslorelin wirkt bei beiden Geschlechtern!

Der Rest ist schnell erklärt:
Durch einen Überschuss an künstlichem GnRH reduzieren sich die Rezeptoren für GnRH in den dafür empfänglichen Zellen und es wird weniger FSH und LH produziert, demnach eben auch weniger Sexualhormone. Der Rüde produziert keine Samen, die Hündin hat keinen Zyklus mehr. Man nennt das GnRH-(Rezeptor-)Downregulation, also ein „Herunterschrauben“ der GnRH-Rezeptoren und GnRH-Produktion. Es kommt zur Suppression der Hypophysen-Gonaden-Achse, was auf gut Deutsch die Unterdrückung des Regelkreises zwischen Hypophyse und Gonaden (das sind die Keimdrüsen, Eierstöcke und Hoden) meint.
Davor kommt es allerdings zu einem extremen Anstieg der Sexualhormone, da ja erst mal viel neues GnRH im Körper zirkuliert und viel FSH und LH freigesetzt wird. Dieser Peak findet in den ersten 4-6 Wochen nach dem Setzen des Implantats statt und nachdem ich ihn vor bald 8 Jahren selbst bei einem Rüden getestet habe, kann ich bestätigen: Hypersexualität tritt auf 😉
Wie dieser Mechanismus bei Hündinnen genutzt wird, beschreibe ich weiter unten.
Je nach Wirkstoffmenge und Größe des Hundes (plus anderer, individueller Faktoren) wirkt das Implantat 6-12 Monate oder sehr viel länger!
Ist der Wirkstoff aufgebraucht, läuft die körpereigene Hormonproduktion wieder an, die Hunde werden im Regelfall wieder normal fruchtbar.
Wie bereits erwähnt, löst sich das Implantat theoretisch vollständig auf, was aber bei manchen Hunden sehr lange dauern kann. Länger, als die Wirkung anhält.

Die aktuelle Zulassung bezieht sich zwar auf den Einsatz bei Rüden, Katern und männlichen Frettchen, doch die Anwendung bei weiblichen Tieren ist dennoch möglich und seit Jahren auch üblich. Neben Heimtieren werden auch Zootiere oft hormonell ruhiggestellt, um Gruppenhaltung zu erleichtern und dennoch zu einem späteren Zeitpunkt wieder auf „das Genmaterial“ zugreifen zu können. Sogar Hühner werden damit behandelt, sie hören dann auf, Eier zu legen.
Beim Menschen werden GnRH-Analoga hauptsächlich bei der Frau eingesetzt, es ist also ein wirklich gut untersuchter Mechanismus, der der Anwendung von Suprelorin zugrunde liegt und er ist bedenkenlos auch bei der Hündin möglich, insofern man generell keine Bedenken hat.
Dass ein Produkt vor allem in der Tiermedizin nicht immer für jede mögliche und sinnvolle Anwendung zugelassen ist, hat auch den Grund, dass so ein Zulassungsverfahren aufwendig und teuer ist. Die Anwendung ohne Zulassung nennt man Off-Label Use und ich bin mir ziemlich sicher, dass auch die allermeisten von euch schon Medikamente off-label bekommen oder verabreicht haben. Mir fallen für mich zumindest auf Anhieb eine ganze Reihe ein. Daran ist also nichts schlimm oder verwerflich und ich wiederhole: Suprelorin kann bei beiden Geschlechtern zur Anwendung kommen und es ist so sicher (sprich nebenwirkungsarm oder nebenwirkungsreich), wie eine chemische Kastration eben sicher sein kann.

Wozu kann man Suprelorin nun nutzen?

1. Zur vorübergehenden Unfruchtbarmachung von Rüde oder Hündin, wobei man bei der Hündin den Zeitpunkt des Setzens beachten muss, um keine Läufigkeit auszulösen (Implantation im Metöstrus!).
Die Wirkung hält bei Rüden oft deutlich länger als 12 Monate an, bei Hündinnen kann sich eine Läufigkeit um bis zu 27 Monate verschieben.
Vorsicht ist geboten, wenn die Hündin bereits Zysten an den Eierstöcken hat. Durch die hormonelle Stimulation kann es zum Anwachsen der Zysten, in Folge auch zu Dauerläufigkeiten und zu einer Gebärmutterentzündung/Pyometra kommen, die ja eigentlich hormonell bedingt und nicht, wie manchmal angenommen wird, auf eine Infektion zurückzuführen ist. Zysten treten vor allem bei älteren Hündinnen auf, aber manchmal auch bei jungen, was vorher abgeklärt werden sollte.

2. Zur Induktion einer Läufigkeit bei der Hündin.
Durch die anfänglich verstärkte Freisetzung von FSH und LH kommt es beim Setzen des Chips im Anöstrus zu einer vorgezogenen Läufigkeit mit Eisprung, das heißt, die Hündin kann gedeckt werden und ist fruchtbar. Danach muss jedoch das Implantat wieder entfernt werden, denn sonst tritt ja die negative Rückkopplung ein. Auch hier gilt der Hinweis zu Zysten, Dauerläufigkeiten und Pyometra. Anders herum kann bei einer hormonell ruhiggestellten Hündin durch die Entfernung des Implantats eine Läufigkeit induziert werden und der Deckakt kann terminlich gut passend durchgeführt werden.

3. Zur Verschiebung der Pubertät und damit der Geschlechtsreife.
Dazu muss das Implantat sicherheitshalber bereits im Alter von 4 Monaten gesetzt werden, da es sonst uU eine verfrühte Pubertät/Läufigkeit auslöst. Das hat jedoch weitreichende Konsequenzen für die körperliche und geistige Entwicklung des jungen Hundes, einige davon sind nicht wieder aufzuholen oder zu reparieren. Theoretisch ist es jedoch möglich, eine junge Hündin mit 4 Monaten mit Suprelorin zu behandeln und wenn die Wirkung des Implantats nachlässt, bekommt sie ihre erste Läufigkeit bereits in einem Alter, indem man sie laut Zuchtverband decken lassen darf.

4. Bei Prostatavergrößerungen und gutartigen Prostataveränderungen beim Rüden.

5. Zur Verbesserung der Samenqualität beim Rüden, nach einem „Reset“ kann diese besser sein als vorher.

6. Als „Kastration auf Probe“, um zu testen, ob gewünschte oder unerwünschte Wirkungen eintreten.

7. Zur Behandlung von kastrationsbedingter Inkontinenz, Fellveränderungen, Wesensveränderungen und ggf. anderer Nebenwirkungen der Kastration.
Das ist nur auf den ersten Blick paradox. Da bei der Kastration nur die Keimdrüsen (wir erinnern uns –> Gonaden = Eierstöcke/Hoden) entfernt werden, produziert der Körper weiterhin FSH und LH, er will also Sexualhormone bilden. Schließlich melden die zuständigen Stellen „Zu wenig Testosteron/Östrogen vorhanden!“, also versucht er diesen Mangel auszugleichen. Da Sexualhormone nicht nur in den Keimdrüsen gebildet werden, sind andere Gewebe nun aktiver, z.B. die Nebennierenrinde.
Das ist auch der Grund dafür, dass bspw. Hündinnen mit einem hohen Testosteronspiegel (gerne als Rüdinnen bezeichnet 😉 ) nach der Kastration noch deutlich rüdenhafter und durchaus problematischer in ihrem Verhalten werden. Der Körper produziert nun ungehemmt vom Gegenspieler Östrogen u.a. in der Nebennierenrinde das Hormon Testosteron, es kommt zu einer Vermännlichung.
Aber man kann durch den Einsatz von Suprelorin diese Entgleisungen und die entsprechenden Nebenwirkungen reduzieren.
Insbesondere Harninkontinenz ist ein belastendes Problem für Mensch und Hündin, die genauen Ursachen der kastrationsbedingten Inkontinenz sind dabei jedoch unterschiedlich. Die Folgen sind neben der eigentlichen Inkontinenz leider auch chronische Blasenentzündungen, die sich auf die Nieren ausweiten können, und Scheidenentzündungen durch die chronisch gereizte Schleimhaut. Je nach Ursache kann aber auch hier Suprelorin helfen, indem es die Blasenkapazität verbessert/erhöht, was bei 50% der Hündinnen in den gemachten Untersuchungen der Fall war.

Wie empfehlenswert alle diese Anwendungsbereiche sind, muss jeder selbst für sich entscheiden. Die Recherche im Internet bringt Informationen en masse, man sollte jedoch auf die Seriösität der Quellen achten. Die Schweizer waren schon vor Jahren ziemlich aktiv, weshalb eine sehr gute Zusammenfassung mit umfassender Literaturangabe diese hier ist: Der Einsatz von Deslorelinazetat (Suprelorin®) in der Kleintiermedizin von Palm/Reichler, Klinik für Fortpflanzungsmedizin der Universität Zürich
Noch detaillierter kann man Einsatzgebiete bei intakten und kastrierten Hunden und Katzen hier nachlesen: Klick!
Da beim letzten Züchterseminar des ÖKWZR vom Referenten, Mag. Wolfgang Brynda (Tierarzt und für den Hersteller Virbac tätig), recht ausführlich über die Anwendungsbereiche in der Zucht (Induktion der Läufigkeit, vorübergehende Unfruchtbarmachung, Verbesserung der Samenqualität und Verschiebung der Pubertät) informiert wurde, würde ich mich bei Interesse an Virbac oder an den Tierarzt meines Vertrauens wenden und Informationen anfordern.
Dass Suprelorin neben der vorübergehenden Unfruchtbarmachung des Rüden auch noch zahlreiche andere Einsatzgebiete hat, ist eigentlich schon seit Jahren bekannt. Bereits 2010 habe ich in meinem Text zur Kastration auf der Hauptseite darauf hingewiesen, dass Suprelorin die Nebenwirkungen der Kastration teilweise reduzieren kann. Dennoch zeigt sich immer wieder, dass Halter betroffener Kastraten nichts davon wissen, was schade ist.

Zum Schluss noch diese Anmerkungen:
Nebenwirkungen sind bei der Anwendung am intakten Hund selbstverständlich vorhanden und auch zu erwarten. Diese umfassen zu einem großen Teil die üblichen Nebenwirkungen der Kastration, wie Wesensveränderungen, Fellveränderungen, Harninkontinenz der Hündin, oder eben Dauerläufigkeit durch hormonell aktive Zysten usw.
Berichtet wird immer wieder auch von anderen Nebenwirkungen, die sich nicht im Beipackzettel oder in den Zusammenfassungen dazu finden.
Zur Inkontinenz ist anzumerken, dass eine Harninkontinenz bei der intakten Hündin unter Suprelorin sehr sicher für eine Harninkontinenz auch nach der chirurgischen Kastration spricht. Auch so gut wie alle anderen Nebenwirkungen würden bei der endgültigen Kastration auftreten, sodass man es eben als eine Art Probelauf werten kann.
Wenn es um die Unfruchtbarmachung oder die chemische „Frühkastration“ geht, ist eine reversible Methode der endgültigen Kastration vorzuziehen. Die Nebenwirkungen verschwinden hier zumindest größtenteils wieder, wobei die durch eine chemische „Frühkastration“ ausgelösten Probleme am Bewegungsapparat oft nicht mehr zu beseitigen sind. Es fehlen dazu aber mehr Daten, zumindest sind mir keine bekannt. Da die Hoden schrumpfen (sie stellen ja ihre Aktivität ein), muss man bei jungen Rüden vor dem endgültigen Verschluss des Leistenspalts ebenfalls vorsichtig sein, sie können sonst wieder „nach oben“ rutschen und wir haben einen künstlichen Kryptorchiden…

Die Anwendung von Suprelorin wirft aber auch ethische Fragestellungen auf.
Beim Menschen ist die Anwendung von GnRH-Analoga nur in einem strengen Rahmen möglich und nicht als Daueranwendung, da die Nebenwirkungen sehr schwer sind. Oft werden sie als so unerträglich empfunden, dass selbst medizinisch dringend notwendige Behandlungen abgebrochen werden oder man eine Add-back-Therapie durchführt, also geringe Mengen Geschlechtshormone zuführt. Das schützt aber trotzdem nicht vor allen Nebenwirkungen und reduziert andere nur etwas. Hunde bekommen dieses Add-back-Verfahren nicht.
Die Anwendung bei transsexuellen oder intersexuellen Kindern vor der Pubertät führt dazu, dass sie keine sekundären Geschlechtsmerkmale ausbilden und erst durch das Hinzufügen weiblicher oder männlicher Sexualhormone ein eindeutiges biologisches Geschlecht entwickeln. Bei Hunden, die Suprelorin vor der Pubertät gesetzt bekommen, behält man diesen kindlichen und mehr oder weniger undefinierten Zustand bei.
Für manche mag es Vorteile haben, einen ewigen Welpen zu halten. Ob wir das Recht haben, einen Hund mental, emotional und körperlich, teilweise sogar kognitiv derart in seiner Entwicklung zu hemmen, darf man sich jedoch ruhig fragen.
Ich möchte jetzt ungerne die Kastration per se ablehnen, denn das führt bei Haltern von Kastraten oft zu Ablehnung und Informationen werden nicht mehr aufgenommen. Aber im Endeffekt basteln wir Menschen uns mit einer chirurgischen Kastration bei beiden Geschlechtern einen hormonell ziemlich entgleisten Körper, und das bezieht sich nicht nur auf Sexualhormone. Die Auswirkungen dieser hormonellen Entgleisung kann ich hier gar nicht alle aufführen, man kann nämlich ganze Bücher damit füllen (z.B. Kastration und Verhalten von Strodtbck/Gansloßer) und es kommen laufend neue Untersuchungen dazu. Aber egal, ob man selbst den Hund kastrieren ließ oder ihn kastriert übernommen hat, Suprelorin kann helfen, einige der Schäden etwas in Grenzen zu halten.
Im Falle der Inkontinenz, die leider bei großen Rassen häufig auftritt, würde ich Suprelorin einer lebenslangen Gabe von Propalin oder Caniphedrin & Co definitiv vorziehen. Selbes gilt für Fellveränderungen und andere Nebenwirkungen der Kastration, die gerade bei Tierschutzhunden leider oft nicht aus medizinischen Gründen vorgenommen wurde. Verschlimmern werde ich daran nichts.
Im Regelfall ist aber der intakte Körper doch der gesündere Körper.

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