Von Hasen und Kaninchen…

und warum der Whippet kein Greyhound ist.

Feldhase

Manche werden das jetzt für Erbsenzählerei halten, aber es gibt etwas, das bei mir echt ganz arges Kopfschütteln auslöst: „Der Whippet wurde für die Hasenjagd gezüchtet!“
Hört oder liest man diese Aussage von Rasseunkundigen oder vielleicht von schlecht informierten Neulingen, kann man sicher noch Verständnis haben.
Aber wenn man das auf Züchterseiten liest und von Coursingrichtern hört: Autsch!

Gleich mal vorweg: Der englische Whippet wurde und wird definitiv nicht für die Hasenjagd gezüchtet, sondern für die Jagd auf Kaninchen. Er wurde und wird auch gerne für die Rattenjad verwendet. Und für den Rennsport. Das bedingt seine hochspezialisierte Anatomie, oder anders: Der Whippet sieht aus wie ein Whippet und verhält sich wie einer, weil er für bestimmte Zwecke züchterisch selektiert wurde.
Der viel größere englische Greyhound war ursprünglich DER Hasenjäger schlechthin und wurde gezielt für diese Leistung gezüchtet. Und für den Rennsport. Das bedingt auch seine Anatomie, er sieht daher aus und verhält sich wie ein Greyhound.
Ja, ein Whippet bzw. mehrere Whippets oder ein Whippet in Kombination mit anderen Hunden (vor allem Lurcher oder Longdogs) kann natürlich auch einen Hasen erjagen. Aber dazu gehört dann viel Gück und der Whippet verbraucht unnötig viel Kraft bzw. besteht das Risiko einer Greyhoundsperre durch Überforderung. Auch ein Greyhound kann ein Kaninchen unter bestimmten Bedingungen erbeuten, aber tendenziell ist er viel zu groß und massig, um diese Arbeit effektiv zu verrichten.

Wildkaninchen

Warum muss man hier so deutlich unterscheiden?
Der Feldhase (Lepus europaeus) und das Europäische Wildkaninchen (Oryctolagus cuniculus) gehören zwar beide zur Familie der Hasen, könnten in ihrer Lebensweise aber nicht unterschiedlicher sein.
Während Feldhasen eher Einzelgänger sind und auf offenen/halboffenen Flächen (also lichten Wäldern, Wiesen und Feldern) leben, sind Kaninchen sehr soziale Tiere, die Kolonien bilden. Sie buddeln weit verzweigte Baue mit Ein- und Ausgängen und Fluchtgängen – Hasen kratzen sich höchstens eine sog. Sasse, eine kleine Mulde. Bei Gefahr ducken sie sich so lange in diese Sasse, bis es wirklich brenzlig wird und springen dann plötzlich los – mit bis zu 70km/h Spitzengeschwindigkeit sind sie deutlich schneller als ein Whippet und wesentlich ausdauernder. Mit bis zu 6,5kg und einer Körperlänge von bis zu 70cm exklusive den extrem langen und kraftvollen Hinterbeinen, sind sie auch als Beute nicht zu unterschätzen. Und ihre Fähigkeit zu unglaublichen Richtungswechseln ist ja wohl jedem bekannt.

Greyhound und Hase
Greyhound und Hase beim letzten Waterloo Cup 2005, siehe Hare Coursing

Die gerade mal bis zu 2kg schweren Kaninchen flüchten dagegen bei Gefahr in ihre Baue, wo sie vor den meisten Raubtieren sicher sind. Außer vor Wieseln, Iltissen und deren domestizierten Verwandten, den Frettchen.
Dass Landwirte Kaninchenbaue auf ihrem Grund wenig schätzen, ist nachvollziehbar – bricht sich doch das Vieh oder ein Pferd sehr schnell ein Bein, wenn die Gänge Weiden untertunneln. Natürlich sind solche Kaninchenkolonien auch ziemliche Grünzeugvernichter 😉 Und da kommt der Whippet ins Spiel.

Wildkaninchen können beträchtliche Schäden anrichten

Das Vereinigte Königreich Großbritannien und Nordirland ist das Ursprungs“land“ der Whippets und die Jagd auf sehr kurzen Distanzen auf Kaninchen, Ratten und div. Niederwild in Kombination mit bspw. Terriern, Frettchen (ferreting), bei Tag und bei Nacht mit Lampen (lamping) zur Schädlingsbekämpfung (pest control) oder einfach nur aus Freude an der Jagd bzw. zur Nahrungs- und Futterbeschaffung nebenbei war/ist der Zweck der Züchtung.
Es gibt immer wieder Missverständnisse bzgl. der Jagd mit Windhunden auf den Inseln, gerne heißt es, auch dort wäre die Jagd „auf Hasen“ ( 😉 ) verboten worden. Das stimmt so nicht ganz.

You can use dogs for:

  • stalking and flushing out – but only to control pests, eg hares, and only if they’re shot as soon as possible afterwards
  • hunting rats and rabbits
  • retrieving hares that have been shot

https://www.gov.uk/hunting/hunting-equipment

Faktisch ist es natürlich so, dass ein vom Windhund aufgestöberter Hase auch von einem Windhund erlegt wird, wenn er ihn erwischt. Zum Schuss kommt da keiner mehr.
Illegal ist dagegen seit 2004/2005 das Hare Coursing als arrangierter Wettkampf, bei dem gezüchtete Hasen in einem abgegrenzten Bereich durch 2 Hunde gejagt werden. Zu recht als Bloodsport verschrien, darf Hare Coursing aktuell nur mehr in Irland, in freier Form auf offenem Feld natürlich in Spanien (viele kennen die Problematik) und in Teilen der USA abgehalten werden.

Die Jagd auf Kaninchen und Ratten unterliegt dagegen nur wenigen Auflagen, z.B. muss der Landbesitzer einverstanden sein. Wer bekannt als guter Kaninchenfänger ist, der wird aber auch gerne von den Landbesitzern selbst kontaktiert und um Hilfe gebeten:

Rabbit Management Services
Rabbit Management Services – Thanks for the photo!

Frettchen & Netze * Hunde & Waffen
Schnell, kostenloser 24-h-Service, Vieh und Eigentum bleibt ohne Schaden – Schafe über die Weiden hetzen ist für diese Arbeitshunde tabu 😉

Bei der Jagd mit Frettchen werden Netze über die Ausgänge der Baue gelegt und anschließend Frettchen in die Tunnel gelassen, welche die Kaninchen entweder schon töten oder eben in die Netze treiben, wo sie dann der Whippet tötet, oder man lässt die Netze weg und der bzw. die Whippets passen die Kaninchen vor den Ausgängen ab und hetzen sie auf kurze Distanzen (wenige Meter bis höchstens 100-150m).
Kaninchen sind klein, gedrungen und natürlich unheimlich süß – aber auch nicht wahnsinnig schnell und ausdauernd, mit 35-40km/h kurzzeitiger Spitzengeschwindigkeit zumindest nicht schneller als ein Whippet. Man denke hier noch einmal kurz an die 70km/h des Feldhasens, der locker einige Kilometer in hohem Tempo durchhält. Dafür braucht es aber bei der Kaninchenjagd einen kleinen Windhund, der wendig genug ist. Whippets ab einer bestimmten Größe oder Greyhounds eignen sich nicht mehr für diese Aufgaben. Die meisten Working Whippets sind dennoch größer als es der FCI-Standard vorschreibt, Hündinnen meist 19-20 inch (48-51cm) und Rüden bis 22 inch (56cm). Das hat sich als ideale Größe bewährt, der Whippet ist dann robust genug, ausdauernd genug, schnell genug und hat einen guten Überblick, behält aber die notwendige Agilität.
Da sich Kaninchen sprichwörtlich vermehren „wie die Karnickel“, gibt es am Ende einer Jagd gerne auch mal 30 erjagte Kaninchen pro Hund. Hasen fängt man bei der Jagd mit Windhunden, mit Glück, nicht mal eine Hand voll und die Hunde verbauchen viel Energie. Hier geht es häufig auch noch um Effizienz, und die Jagd mit Frettchen und Whippets/Lurchers ist sehr effizient. Denn Zuchtziel war beim arbeitenden Whippet immer die höchstmögliche Geschwindigkeit und größte Ausdauer „im kleinsten Rahmen“, Effizienz in Reinform.
Vor allem aber, und das ist der einzige Grund, warum ich diese Form der Jagd nicht ablehne: Es ist für die Kaninchen ein vergleichsweise schonender Tod.
Denn was sonst so gegen Kaninchen eingesetzt wird, hat einen langsamen und qualvollen Tod zur Folge. Die absichtliche Infektion mit der Kaninchenpest (Myxomatose) sei hier genannt, die Verwendung von Gas, Gift und Fallen oder die Verwendung von Schrotmunition.
Außerdem werden die erjagten Kaninchen zu quasi 100% dem Kochtopf oder dem Hundenapf zugeführt, und das ist ja wohl wirklich eine sinnvolle Verwendung.

Zum Abschluss noch einige wenige Beispiele für die Jagd mit Windhunden, youtube ist selbstverständlich voll mit Videos zu diesen Themen und auch Facebook bietet zahlreiche Möglichkeiten zur Information oder Kontaktaufnahme.
Achtung: Es kommen hier Tiere zu Tode und auch, wenn man kein Blut sieht – wer das nicht sehen will, der klickt bitte nicht!
Whippets auf der Kaninchenjagd

Und Grey/Longdog (Grey x Saluki?) bei der Hasenjagd

Der Greyhound weist bestimmte Merkmale auf, die ihm die erfolgreiche Jagd auf Hasen ermöglichen.
Der Whippet weist bestimmte Merkmale auf, die ihm die erfolgreiche Jagd auf Kaninchen ermöglichen.
Es ist wichtig, das im Hinterkopf zu behalten, um Typveränderungen zu vermeiden. Whippets sind keine Greyhounds und sollen weder so aussehen wie kleine Greyhounds, noch sich so verhalten.

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