Muskelkrämpfe beim Windhund

Wenn ich über Muskelkrämpfe schreibe, beziehe ich mich wieder hauptsächlich auf Whippets und Greyhounds, aber natürlich können auch andere Hunderassen betroffen sein.

Also, worum geht es?

Muskelkrämpfe treten relativ häufig bei Windhunden auf und wohl jeder Mensch kennt diesen schmerzhaften Zustand, bei dem sich unwillentlich einzelne Muskelfasern oder ganze Muskelgruppen zusammenziehen, anspannen und „verkrampfen“. Während Menschen neben bewegungsbedingten Muskelkrämpfen oft Krämpfe im Ruhezustand haben, welche in der Regel  durch Calciummangel bedingt sind, treten beim Hund fast nur bewegungsbedingte Muskelkrämpfe auf.
Bei Sporthunden kann ein Krampf bereits vor dem Einsatz auftreten, wenn der Hund unter großer Anspannung steht (z.B. am Start(kasten)), oder während und nach des Laufs, wenn Körpertemperatur und Lactatgehalt in den Muskelzellen und Blut ihren Höhepunkt erreicht haben. Auch während Sprintspielen im Freilauf oder bei/nach unerwünschten Hetzjagden kann ein Krampf auftreten.

http://australiananatomycharts.com/dog_chart.html

Hauptsächlich betroffen ist die Muskulatur in der Vorderhand (Schulter bis Ellbogen), die Muskulatur des Rumpfes entlang der Rückenlinie und die des Hinterlaufs (Hüfte bis Knie).
Man erkennt einen verkrampften Muskel leicht, er ist verhärtet, „zusammengerollt“ wie ein Ball und der Hund zeigt Schmerzreaktionen wie Anziehen des Beins, Aufziehen des Rückens, Jaulen, vor allem bei Berührung oder Dehnung. Nach dem Krampf kann er kurzzeitig lahmen.

In „Care of the Racing and Retired Greyhound“ werden 5 Typen von Muskelkrämpfen bei Sporthunden unterschieden:

Dazu eine kleine Grafik, wie Skelettmuskeln aufgebaut sind.
https://i1.wp.com/www.tauchundnaturfreund.de/ubersicht/medizin/unfalle/krampfe/350pixkrampf2.jpg
1. „Dehydration cramp“: Krämpfe durch Dehydrierung, welche allerdings bei Sporthunden selten ist und im Alltag wohl kaum auftritt. Häufige Auslöser für eine Dehydrierung und einen Verlust von Körperflüssigkeit und Elektrolyten kann starker Durchfall und anhaltendes Erbrechen sein.

2. „Calcium deficiency cramp“: Krämpfe durch Calciummangel aufgrund von Mineralstoffmangel und/oder Vit D-Mangel durch Mangelversorgung bzw. Fehlernährung, Medikamenteneinnahme.

3. „Metabolic cramp“: Krämpfe aufgrund einer metabolischen Störung in den Muskelfasern, ausgelöst durch einen Mangel an Spurenelementen und/oder einer Azidose.

4. „Circulatory cramp“: Krämpfe aufgrund einer Störung in der Versorgung des Muskels mit Blut, ausgelöst durch Schäden an den kleinen Arterien und Venen, die die Muskeln versorgen. Ursache kann ein Schlag sein, eine Einblutung im Gewebe oder Narbengewebe, und alles, was die Sauerstoffversorgung einschränkt.

5. „Nervous cramp“: Krämpfe, die durch eine Beschädigung der Nerven ausgelöst werden, welche den Muskel steuern. Die Ursache kann eine Injektion sein, oder aber auch Schädigungen tiefer im Gewebe (schwere Prellungen, Blutungen). Angstzustände und Nervosität sowie Schäden in bestimmten Hirnregionen können Muskelkrämpfe auslösen, die wie kleinere epileptische Anfälle erscheinen können.

Interessanterweise wurden Krämpfe im Zusammenhang mit Kohlenhydratfütterung beschrieben (Nutrition for the Racing Greyhound, Kohnke, 1994), die sich vor allem durch verhärtete Muskeln im Rücken äußern. Diese können durch Reduzierung des Anteils an Getreide (gerne werden Brot, Nudeln und Cerealien verfüttert) im Futter behoben werden. Eventuell bindet die im Getreide und Hülsenfrüchten (oft im Futter: Soja und Erbsen) enthaltene Phytinsäure die mit dem Futter aufgenommenen Mineralstoffe wie Calcium, Magnesium, Eisen, Zink u.a., siehe Punkt 2 und 3. Selbes gilt übrigens für Spinat und Mangold, die Calcium bindende Oxalsäure enthalten und daher nicht in größeren Mengen gefüttert werden dürfen.
Zu schnelle Abkühlung nach dem Rennen (z.B. durch kaltes Wasser) kann bei Hunden auch zu Muskelkrämpfen führen, der Muskel wird nicht mehr ideal versorgt (Punkt 4).
Selbstverständlich kann auch körperliche oder mentale Überforderung Muskelkrämpfe auslösen, wobei die eigentliche Ursache auf zellulärer Ebene eine der oben genannten ist.
Eine weitere Ursache von Krämpfen kann eine genetisch bedingte Erkrankung sein, die beim Whippet und Greyhound sowie einigen anderen Rassen auftritt: EIH – Exercise Induced Hyperthermia
Da zu diesem Thema beim Whippet geforscht wird, möchte ich der EIH einen eigenen Artikel widmen.

Was kann man tun, wenn der Hund einen Muskelkrampf hat?

Tritt ein Muskelkrampf nur einmalig auf, muss selbstverständlich nicht sofort ein Tierarzt aufgesucht werden. Akut kann man dem Hund mit Dehnungen, Massage und Wärmeanwendungen helfen.
Da die Ursachen für Muskelkrämpfe aber vielfältig sind, kann es keine allgemeingültige Vorgehensweise geben. Sollte der Hund zu Krämpfen neigen, ist eine Abklärung durch den Tierarzt unbedingt erforderlich, die eine allg. klinische Untersuchung, Blut- und Urinuntersuchungen und die Krankengeschichte umfassen sollte.

„Keep your dog fit but fresh!“

Um schmerzhafte Muskelkrämpfe, Verletzungen oder gar eine sog. Greyhoundsperre zu vermeiden, ist unbedingt auf sorgfältiges Training und Aufwärmen vor sportlichen Aktivitäten (auch Freilauf) zu achten!
Beim Aufwärmen werden alle Systeme auf Leistung umgestellt, die Muskeln werden besser mit Blut versorgt, was den Zu- und Abtransport der benötigten Stoffe und der Abbaustoffe verbessert, das Enzymsystem in den Muskelzellen sorgt für optimale Energieversorgung usw. Genauso wichtig ist das Ablaufen.
Überforderung ist zu vermeiden.
Hunde dürfen und sollten zwar regelmäßig körperlich und mental gefordert werden und können auch mal an ihre persönlichen Grenzen herangeführt werden, aber bitte nicht darüber hinaus. Überforderung und Erschöpfung steigern das Verletzungsrisiko enorm, was besonders beim Windhundsport mit den beiden sehr unterschiedlichen Disziplinen Coursing und Rennbahn eine große Rolle spielt. Hunde, die züchterisch für Spitzenleistungen auf der Rennbahn „optimiert“ wurden und ein entsprechendes Training erfahren, sind hochspezialisierte Leistungssportler.
In meinen Augen setzt man sie beim Coursing einem unverantwortlich großen Risko aus, indem man ihnen Distanzen und ein Geläuf zumutet, das sie vollkommen überfordert. Umgekehrt wird ein gut trainierter Coursinghund niemals Spitzenzeiten auf der Bahn erreichen können, jedoch ist das Risiko, ihn körperlich zu überfordern, kaum gegeben. Daher spricht nicht viel gegen Sprinttraining auf der Bahn für Coursinghunde, wenn der Hund weiß, wie der Hase dort läuft. „Mal eben“ ein Coursing einzuschieben, oder, wie leider nicht selten zu beobachten, ältere Rennhunde nach ihrer Blütezeit auf der Bahn beim Coursing einzusetzen, ist dagegen eine denkbar schlechte Idee.
Will man Windhundsport ernsthaft betreiben, ist es notwendig, sich auf eine der Disziplinen zu konzentrieren und sich entsprechendes Fachwissen anzueigenen. Die Anforderungen an Hund und Halter sind grundsätzlich vollkommen unterschiedlich, dem Hund zuliebe sollte man sich für eine entscheiden.

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