Myostatin-Mutation beim Whippet

Eigentlich schon ein alter Hut, aber weil doch manchmal Unklarheiten bestehen bzw. Informationsmangel herrscht, hier ein kurzer Anriss:

Myostatin-Defekt, Myostatin-Mutation, Bully Whippet-Syndrom, Myostatin-bedingte Muskelhypertrophie, Doppelbemuskelung oder Myostatin Deficiency – dahinter verbirgt sich etwas, das unter allen Hunderassen derzeit wohl nur den Whippet tatsächlich betrifft, bei Nutztieren jedoch schon länger bekannt und gezielt zur Leistungssteigerung (also zur Erhöhung der Muskelmasse = Fleischertrag) eingesetzt wird. Auch bei Pferden kennt und züchtet man Myostatin-Varianten, die sich, je nach genetischer Ausstattung, eher für Kurz-, Mittel- oder Langdistanzen eignen. Siehe hierzu auch „Speed-Gen“ bei Laboklin.

Beim Myostatin-Defekt handelt es sich um eine Mutation im Myostatin-Gen. Myostatin wird im tierischen und menschlichen Körper gebildet und ist ein Eiweiß, das für die Hemmung des Muskelwachstums zuständig ist und damit unkontrolliertes Muskelwachstum verhindert. Die Vererbung ist sehr gut untersucht und erfolgt über einen autosomal-rezessiven Erbgang.

Was bedeutet autosomal-rezessiv?

Autosomal bedeutet, dass die Gene nicht an das Geschlechtschromosom gebunden sind und unabhängig vom Geschlecht vererbt werden (zu unterscheiden von gonosomalen Erbgängen, wie z.B. bei der Bluterkrankheit, die über das X-Chromosom vererbt wird). Es sind also Rüde wie Hündin gleichermaßen betroffen.
Für jedes Merkmal, hier für das Myostatin-Gen, liegen im Genom zwei Kopien vor. Je eine Kopie erhält das Tier von seinem Vater und eine von seiner Mutter.
Wird ein Merkmal autosomal-rezessiv vererbt bedeutet dies, dass ein Tier nur erkrankt, wenn es je ein betroffenes Gen von Vater und Mutter erhalten hat. Es müssen also sowohl Vater- als auch Muttertier das mutierte Gen tragen. Sind die Eltern Träger (Genotyp N/B), haben also ein mutiertes Allel, können (!) sie es an ihre Nachkommen weitergeben. Sie können aber auch das normale Allel weitergeben und ihre Nachkommen sind frei.

Sind beide Elterntiere frei von der Mutation, geben sie nur normale, gesunde Allele an ihre Nachkommen weiter, die damit ebenfalls frei vom Myostatin-Defekt sind. Sie tragen den Genotyp N/N.

Und das ist der aktuelle Stand in der Zucht in Deutschland.* Die zur Zucht eingesetzten Tiere müssen nachweisen, dass sie keine Mutation tragen. Sind sie Träger, werden sie nicht zur Zucht zugelassen. In anderen Ländern wird jedoch mit Trägern gezüchtet, was prinzipiell auch kein Problem darstellt, da Träger nicht in ihrer Gesundheit beeinträchtigt sind. Verpaart man nur Hunde ohne Mutation mit Hunden mit Mutation, werden einige der Welpen selbst Träger sein, andere keine. Probleme gibt es eben nur, wenn Träger mit Trägern verpaart werden.

* In Österreich gibt es keine Verpflichtung.

Was ist denn aber nun der Vorteil von Trägern und wie entstand bzw. verbreitete sich die Mutation im Whippet?

Der Vorteil ist ganz schnell erklärt: Whippets, die ein mutiertes Allel aufweisen (N/B), sind in den meisten Fällen auf kurzen Sprintstrecken schneller, als es Hunde ohne Mutation sind (wie anfangs beim „Speed-Gen“ bei Pferden erwähnt).
Äußerlich weisen Träger zwar deutlich mehr Muskeln als der Durchschnittswhippet auf, jedoch sind Whippets aus Rennlinie auch ohne Mutation oft deutlich bemuskelter, daher sieht man ihnen diesen Vorteil nicht zwangsweise an.
Eines Tages muss sich die Mutation jedenfalls spontan ergeben haben (ob nur einmalig oder mehrmals unabhängig voneinander ist meines Wissens nicht absolut klar, es gibt Hinweise auf Mutationen in den USA und eine in Europa), so wie es bei allen Tieren und Menschen passieren kann, und zufällig wurde ausgerechnet dieser Hund im Rennsport geführt, zeigte entsprechende Erfolge und ging in die Zucht. Verpaart man nun auf der Jagd nach Sekunden immer die erfolgreichsten, schnellsten Hunde, treten natürlich auf einmal Hunde auf, die von ihren Eltern zwei mutierte Allele bekommen haben – Hunde wie Wendy.

Hunde wie Wendy sind natürlich nicht mehr schnell. Sie sind alles andere als leistungsfähig und leiden massiv an diesem Syndrom.

Es versteht sich von selbst, dass es wichtig ist, solche Verpaarungen unbedingt zu vermeiden. Testet man einmalig die Elterntiere als frei (N/N), ist die weitere Untersuchung ihrer Nachkommen allerdings unnötig. Die spontane Mutation ist äußerst selten, sodass dadurch nicht befürchtet werden muss, diese Mutation wieder einzuschleppen.
Es zeigt auch, dass eben genau das, was im Standard des Whippets gefordert wird, sinnvoll ist. Keine Übertreibungen. Keine Extreme. Extreme in der Zucht sind immer problematisch, im Leistungsbereich genauso wie im Showbereich.

journal.pgen.0030079.g001
Normaler Whippet, Träger, Bully Whippet

Wer mehr dazu lesen möchte, kann das hier tun: A Mutation in the Myostatin Gene Increases Muscle Mass and Enhances Racing Performance in Heterozygote Dogs
Und hier.

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