Der Whippet – die familienfreundliche, kinderliebe Rasse…

Das Thema Kind und Hund ist sehr komplex und umfangreich, daher möchte ich es hier nur ganz kurz anreißen.

Immer wieder werde ich natürlich mit Anfragen von Menschen konfrontiert, die gerade voll in der Familienplanung stecken (mit anderen Worten: junge Frauen, die gerade schwanger sind und auf die Karenzzeit schielen) oder die sehr kleine Kinder haben und dazu den passenden Familienhund wollen. Das bringt mich oft in ein Dilemma.

Einerseits ist das nämlich eine sehr gängige Art und Weise, zum Hund zu kommen.
Kinder sollen mit Tieren aufwachsen dürfen, sollen früh Verantwortung für andere übernehmen, als Hausfrau/-mann und Mutter/Vater hat man ja genügend Zeit für die Erziehung des 2- und 4-beinigen Nachwuchses und überhaupt, nur mit Hund ist eine Familie eine richtige Familie.
Gibt’s theoretisch mal nichts dran auszusetzen.
Dass die Praxis, vor allem was das zeitliche Management von zwei oder mehr Kleinkindern gleichzeitig angeht, nun ja, etwas anders aussieht… Das wird leider oft zu spät bemerkt.
Alleine die Stubenreinheitserziehung beim Welpen kann einen mit Baby/Krabbelkind schon vor unmögliche logistische Herausforderungen stellen, wenn zeitgleich beide ein mehr oder weniger dringendes Bedürfnis haben und das Kind (vermutlich „naturgemäß“) vorgereiht wird. Schon ist es (wieder) im Haus passiert, das Pfuigack 😉
Aber einmal abgesehen von diesem (für mich) irgendwie zu managenden und eher nebensächlichen Problem: Kleine Kinder brauchen unheimlich viel Zeit, Aufmerksamkeit, Energie und Liebe, das selbe gilt für Hundekinder. Diese Zeit im Leben eines Elternteils oder eines Hundehalters ist so intensiv und wertvoll, dass man sich besser auf eine einzige Spezies konzentrieren sollte. Man verpasst sonst wirklich viel, auch in der Entwicklung des Nachwuchses.
Beim Hund geht das Erwachsenwerden so schnell, dass man unter ungünstigen Umständen Folgen eines Mangels an Zeit, Aufmerksamkeit, Energie und Liebe auch nicht mehr rückgängig machen kann und ein Hundeleben lang damit herumlaufen muss. Bzw. der Hund sein Leben lang damit herumlaufen muss.
Das ist doch schade und nicht nötig.

Prinzipiell gilt: Alle Menschen sind verschieden, ihre Lebensumstände sind verschieden, die Ansprüche können tatsächlich extrem unterschiedlich sein – sowohl vom Hund an den Menschen, als auch vom Menschen an den Hund – Welpenvermittlung braucht daher sehr viel Zeit und Umsichtigkeit.
Ich schließe deshalb junge Familien oder Familien in spe natürlich niemals grundsätzlich aus. Denn wenn dem so wäre, würde ich nicht so viele schöne Kind-mit-Hund-Kuschelfotos bekommen. Ich hinterfrage mittlerweile aber noch genauer, ob es denn wirklich ein Whippet und noch dazu ein Welpe sein muss und ob es sich hier tatsächlich um eines dieser Ausnahmepaare handelt, die mehr oder weniger problemlos zwei neue Herausforderungen gemeinsam gut meistern können.
Leider ist es nämlich so, dass ich natürlich auch schon weniger gute Erfahrungen gemacht habe (zum Glück nicht mit meinen Welpen) und viele, viele Schicksale von Familienhunden kenne, bei denen ich mir denke: Niemals möchte ich das mit einem meiner Welpen erleben müssen!
Letztlich ist es nämlich meine Entscheidung und meine Verantwortung, an wen ich einen Welpen gebe und an wen nicht, so wie jeder Interessent die freie Wahl zwischen diversen Züchtern und Hundetypen sowie Hunderassen hat. Und daher heißt es doch auch manchmal: „Nein, das kann ich mir leider nicht vorstellen, ich rate (derzeit) von der Aufnahme eines Hundes ab/zu einer anderen Rasse.“

Daher möchte ich hier gerne vor vorschnellen Entscheidungen zum „familientauglichen, kinderlieben Whippet“ warnen. Womit ich aber nicht den Eindruck erwecken möchte, Whippets wären als Familienhunde untauglich!
Enya und Buddy lieben Kinder derart, dass es mir oft genug schon fast lästig war. Ihre extreme Zuneigung kleinen und großen Menschen gegenüber war ausschlaggebend für mich, mit ihnen die Therapiehundeausbildung zu absolvieren. Auch leben einige unserer Welpen als Familienhunde mit kleineren und größeren Kindern.
Aber Whippets sind sehr speziell in ihren Bedürfnissen und Eigenschaften, sodass sie bei der Haltung sicher besonderer Aufmerksamkeit bedürfen. Und die kann man nur aufwenden, wenn man auch noch genügend zeitliche und nervliche Ressourcen neben dem restlichen Alltag übrig hat.
Für junge Familien bedeutet das, dass sie ganz besonders gut überlegen müssen, ob ein Whippet genau jetzt die richtige Rasse für sie ist und dass sie mit offenen Karten spielen müssen – letztlich hat keiner etwas davon, wenn es dann mit dem neuen Familienmitglied nicht so gut klappt wie gewünscht.

Darüber hinaus: Kein Hund wird als Familienhund geboren, Familienhund zu sein ist nämlich ein richtig harter Job und muss gelernt werden (siehe auch „Warum es uns so wichtig ist,…„). Es gibt allerdings Rassen, die sich definitiv besser eignen, mit denen man es einfach ein bisschen leichter hat und bei denen man nicht die teilweise anspruchsvollen Bedürfnisse eines solchen Spezialisten wie dem Whippet erfüllen muss.
Wer allerdings die Herausforderung sucht und denkt, ihr gewachsen zu sein – nur zu, Whippets eignen sich perfekt 😉

Die Punkte, die oft als Argument für den Whippet als Familienhund angeführt werden, lauten: Whippets sind aggressionslos, sensibel, einfühlsam, liebenswert und geduldig und daher geben sie für Kinder einen besonders tollen Kumpel ab.

Hmm.

Ja, Whippets sind sensibel und in manchen Situationen eher passiv, gehen also tendenziell in bedrohlichen Situationen nicht nach vorne, sondern suchen ihr Heil in der Flucht. Sie würden Einbrecher eher freudig begrüßen als stellen und sie lassen sich von „ihren“ Kindern oft (aber nicht immer) viel gefallen. Außerdem sind sie sozial kompetent, leben gut in der Gruppe und neigen nicht zu Ressourcen-/Futteraggression.
Nur: Es sind und bleiben Hunde, und Hunde haben Zähne, mit denen sie beißen können. Das gehört zu ihrem natürlichen Verhalten.
Hunde kommunizieren darüber hinaus auf eine Art, die für Kinder oft schwer zu verstehen ist, nämlich zuerst durch leise Gesten, die dann graduell immer „lauter“ und deutlicher werden. Untersuchungen zeigen, dass Kinder die Mimik von Hunden besonders schlecht einschätzen können und häufig falsch deuten. Fatal.

Die genannte whippettypische Sensibilität kann in einem turbulenten Haushalt von Nachteil sein und ihr „Dr. Jekyll und Mr. Hyde Syndrom“ muss berücksichtigt werden. Denn die meisten Whippets sind durch die frühere Einkreuzung von Terriern ein wenig kerniger und griffiger als andere Windhundrassen und nicht mal annähernd so stoisch wie ihre „Großeltern“, die Greyhounds, oder auch viele andere Jagdhundrassen, die es zum klassischen Familienhund gebracht haben.
Sie sind draußen allzeit bereit und immer auf Achse, reagieren auf kleinste Reize und lassen nichts anbrennen. Da sie sehr menschenbezogen sind und Action lieben, lassen sie sich leicht „hoch-“ und „über“drehen, was man im Umgang und Spiel (nicht nur) mit Kindern berücksichtigen muss. Das ausgeprägte Jagdverhalten ist die Ursache dafür und das ist nun einmal rassetypisch.
Kind und Hund mal eben zum Gassi nach draußen schicken, wie es mit anderen Rassen durchaus möglich ist, ist hier eher nicht drin. Ein Eichhörnchen oder Nachbars Mieze kombiniert mit einem Whippet an der beliebten Flexi reichen für ein unangenehmes und schmerzhaftes Erlebnis, nehmen wir ein zufällig vorbeifahrendes Auto dazu und wir haben den Super-GAU.
Auch hier muss man also zwischen „kinderfreundlich“ und „kindertauglich“ unterscheiden. Whippets sind im Jagdmodus – und draußen gibt es immer etwas zu jagen – definitiv keine kindertauglichen Hunde. Abgesehen von der rechtlichen Seite (wichtig für Eltern und regional unterschiedlich: Ab wann darf ein Kind einen Hund alleine ausführen und welche Bedingungen müssen erfüllt sein?) ist das Handling eines Whippets im Gelände nicht ganz ohne, sie gehören in die Hände von Erwachsenen und selbst dann ist immer Vorsicht geboten, damit weder Hund noch Halter oder Umwelt zu Schaden kommen. Von 0 auf 60 in wenigen Sekunden bringt einige Herausforderungen mit sich, denen Kinder weder mental noch körperlich gewachsen sind.

Als Ausgleich brauchen Whippets Zuhause Ruhe und sichere Rückzugsorte, sonst droht eine Über“reizung“, was zu gesundheitlichen Beschwerden (Magen-Darm-Trakt, Immunsystem, Haut etc.) und zu Verhaltensauffälligkeiten führen kann. Dieses Ruhebedürfnis ist übrigens auch ein Grund, warum es oft mit kleinen, sehr wuseligen und lauten Hunden im Haushalt nicht so gut klappt. Immer wieder kommt es zu Abgaben, weil der Whippet irgendwann „aus heiterem Himmel“ auf die kleinen Hunde im Haushalt „losgeht“. Man kann sich sicher sein, dass das weder „aus heiterem Himmel“ passiert, noch ohne Anlass.
Dass ein gereizter Hund, auf dessen Signale und Bedürfnisse nicht Rücksicht genommen wird, irgendwann einen richtig lauten Hilfeschrei in Form von Schnappen oder Beißen abgibt, ist nachvollziehbar und eigentlich überhaupt gar nicht verwerflich.
Trotzdem ist das natürlich eine Situation, die man lieber verhindern sollte.
Aber um es auf den Punkt zu bringen: Ja, mir sind Fälle bekannt, in denen auch Whippets gezwickt oder zugebissen (blutende Verletzung) haben. Und es passierte immer aufgrund einer Überforderung oder Überreizung des Hundes (Kind drängt Hund wiederholt in die Ecke, wirft sich wiederholt auf den Hund, springt auf den schlafenden Hund, Hund hatte Schmerzen usw.).
Für die Familien ist das doppelt schlimm, einerseits der Schock durch den Vorfall, andererseits dann leider oft die Abgabe des eigentlich geliebten Hundes. Wie neulich hier zu lesen: Jeden Tag werden Hunde abgegeben und in sehr vielen Ländern auch getötet, weil ihre Familien mit ihrem Verhalten nicht zurecht kommen.
In den seltensten Fällen ist das die Schuld des Hundes.

Warum?

Wie erwähnt heißt es oft, „Windhunde“ (das ist etwa ein so sinnvoller Begriff wie „Kleinhunde“) würden nicht beißen, sie würden in Konfliktsituationen in die Defensive gehen und sich niemals gegen Menschen richten. Solche Behauptungen sind natürlich haltlos und in höchstem Maße gefährlich, denn jeder Hund kann beißen und wird es unter ganz bestimmten Umständen auch tun! Es liegt am Menschen, diese Umstände nicht entstehen zu lassen.
Ich vermute ein wenig, dieses Gerücht zur Aggressionslosigkeit kommt aus der Tierschutzecke, denn ich hatte tatsächlich einige spanische Windhunde bei mir, die man mit Gewalt und dem dauerhaften Gefühl der Ausweglosigkeit in eine sog. „erlernte Hilflosigkeit“ getrieben hat, was bedeutete, dass sie bei vermeintlicher Bedrohung oder bei medizinischen Behandlungen tatsächlich in eine Schockstarre verfielen und innerlich vollkommen abdrifteten. Wer das einmal gesehen hat, weiß, das ist nicht der Normalzustand und kein Zustand, den irgendjemand bei Verstand anstrebt (Anhänger diverser Hundeflüsterer tun das, ich spare mir aber jeglichen Kommentar…).
Der psychisch stabile „Windhund“ dagegen beißt sehr wohl, wenn er absolut keine andere Möglichkeit bzw. im wörtlichen Sinne keinen anderen Ausweg mehr sieht, seine körperliche Unversehrtheit oder seine Interessen zu wahren. Wann ein Hund denkt, dass Schnappen oder Beißen nun ein probates Mittel zur Abwehr ist, hängt von seiner individuellen „Reizschwelle“ und seinen Erfahrungen ab.
Er beißt aber niemals aus heiterem Himmel (s.o.), sondern immer nach zahlreichen Warnungen. Es gibt nur einen Grund, warum er womöglich nicht mehr warnt: Er wurde für die Warnungen bestraft oder sie wurden eiskalt übergangen (oder tatsächlich übersehen).
Gibt’s für jedes Knurren eins auf den Deckel, wird der Hund sich in Zukunft lieber still verhalten und bei Überschreiten der „Reiz“schwelle eben schnappen oder gar beißen. Und wird er permanent missverstanden und lernt, dass erst das Schnappen oder Beißen Hilfe bringt, wird er mitunter auch schneller zu dieser Lösung greifen.

Ich kann nur eindringlich bitten: Hört zu, wenn euer Hund mit euch spricht! Knurren ist Kommunikation und absolut in Ordnung.
Gewalt und Unterdrückung von Verhalten geht in den meisten Fällen irgendwann nach hinten los und meist bezahlen Unschuldige dafür. Es ist dabei egal, ob es sich um einen Chihuahua, einen Whippet, einen Schäferhund oder einen Golden Retriever handelt, die körperlichen Auswirkungen für den Gebissenen sind höchstens unterschiedlich schwer.

Die Grafiken stammen von Sophia Yin, How kids should/should not interact with dogs.
Hier zur Ansicht und auch zum Download.

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