Der Jahreswechsel naht mit lautem Knallen… *reloaded*

Geräuschängste beim Hund finden ihren Höhepunkt meist zwischen Weihnachten und den Hl. Drei Königen am 6. Jänner, eine Zeit, auf die viele Tiere und ihre Menschen getrost verzichten könnten. 2012 habe ich dazu den folgenden Artikel geschrieben, den ich leider alle Jahre wieder anbringen kann…

Wie kommt man also gut durch diese Zeit?

Tja, die wenigsten Menschen können es sich erlauben, an diesen Tagen mit ihren Hunden Urlaub in „Weit-Weit-Weg“ zu machen. Wer sich das allerdings ernsthaft überlegt, wird im Internet schnell fündig, z.B. hier.

Alternativ beginnt man schon einige Wochen/Monate vor Silvester mit einer systematischen Desensibilisierung mittels Geräusch-CD bzw. heruntergeladenen Sounds, die man zuerst in niedriger Lautstärke, später immer lauter vorspielt. Der Hund soll sich dadurch an die Geräuschkulisse während eines Feuerwerks oder Gewitters gewöhnen, wenn er gleich Angst zeigt, wars zu laut. Erhältlich z.B. hier oder hier.

Nun ist es aber so, dass die meisten Hunde nicht (nur) auf die Geräusche an sich reagieren, sondern auch auf die Lichter, die Aufregung bei den Menschen, die Stimmung während eines Unwetters usw. Außerdem unterscheiden sie meist sehr gut zwischen echten Geräuschen und Aufnahmen. Trotzdem habe ich schon persönlich von einigen Hundehaltern gehört, dass ihren Hunden die CDs geholfen haben. Also kanns nicht schaden, es auszuprobieren und auch Welpen damit zu konfrontieren. Denn natürlich haben Welpis, die Knallgeräusche, Schüsse usw. kennen, eine größere Chance, auch angstfrei durchs Leben zu gehen.
Ich habe daher z.B. beim A-Wurf jedes Gewitter genutzt und die Kleinen noch vor dem Regen im Garten bespaßt bzw. einfach weiter herumfetzen lassen, die fanden Sturm und Donner richtig klasse. Damals hatte keiner Angst vor Gewitter, Aidan musste ich sogar extra ins Haus tragen, weil ihm selbst der Regen nichts ausmachte. Er hat bis heute keine Angst vor Gewittern, hat auch nicht Nashs Angst übernommen. Aber nicht alles lässt sich durch positive Erlebnisse in der Jugend lösen, Gewitterangst oder Angst vor Feuerwerkskörpern kann auch plötzlich auftreten und mensch findet keine eindeutige Ursache.

Stress und Angst können durch unterschiedliche Maßnahmen bekämpft werden, am besten ist natürlich immer ein konsequentes, im Fall Silvesterangst auch frühzeitiges Verhaltenstraining. Helfen kann dabei ein kompetenter Hundetrainer.
Um die Mechanismen besser zu verstehen, die bei angstbedingtem Verhalten zum Tragen kommen, kann ich erneut das Buch Stress, Angst und Aggression bei Hunden empfehlen. Auch Die Neuropsychologie des Hundes ist ein interessantes Büchlein zum Thema, der Zusammenhang von Verhalten und Ernährung wird darin detaillierter beleuchtet.

Und dort wird übrigens auch der Einsatz von Psychopharmaka aus der Humanmedizin zum Thema gemacht, der in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat. Dabei ist dringend zu bedenken, dass diese Medikamente eigentlich sehr genau eingestellt werden müssen, die Nebenwirkungen zahlreich und durchaus gefährlich sein können und die Diagnostik von behandlungsbedürftigen psychischen Erkrankungen durch einen 08/15 Hundetrainer oder Tierarzt schon a bissl zu hinterfragen ist. Selbst Humanmediziner scheitern regelmäßig am Themenfeld „psychische Erkrankung“, also bitte, stopft (wie immer) nicht einfach Medikamente in eure Tiere, nur weil sie sich nicht für jeden verständlich mitteilen können.

Erwähnen möchte ich im Zusammenhang mit Silvesterangst „Sedalin Gel“ und „Vetranquil“ mit dem Wirkstoff Acepromazin, der nicht unerhebliche Nebenwirkungen haben kann und zudem eigentlich für diesen Einsatz nicht gedacht ist. Aus der Wirkungsweise:

Durch seine zentral psychomotorische Hemmung führt es zur verminderten Erregbarkeit (Sedation) und verminderten Motorik (Hypokinese) mit Erschlaffung der Muskulatur, wobei das Bewusstsein nicht wesentlich beeinträchtigt wird. Dieser Zustand der relativen Indifferenz gegenüber der Umwelt führt zur teilnahmslosen Gleichgültigkeit mit reduzierter Schmerzempfindung, so dass Manipulationen an dem und mit dem Tier mühelos möglich sind. Die psychische Erregbarkeit, Aggressionen, Angst und Abwehrreaktionen werden gehemmt.

Dies bedeutet, dass der Hund einerseits durchaus noch mitbekommt was um ihn geschieht, andererseits ist er in seiner Motorik eingeschränkt und kann nicht Schutz suchen, was die Lage deutlich verschlimmern und erst recht zu Panik führen kann, selbst wenn die psychische Erregbarkeit gehemmt wird. Bitte verwendet keine Medikamente mit diesem Wirkstoff!

Benzodiazepine (bekannt z.B. Valium, Alprazolam) können ebenfalls gegeben werden, jedoch sollte man folgende Warnung immer im Kopf behalten:

Gesunde Tiere lassen sich aber mit Diazepam alleine nur schwer sedieren, es kann sogar zu Erregungszuständen und Panikanfällen kommen (Hall 2001k; Hall 2001f).
Benzodiazepine haben einen beruhigenden sowie zähmenden Effekt und können den Umgang mit schwierigen und aggressiven Tieren erleichtern. Jedoch können bei Hunden und Katzen nach der Injektion von Diazepam auch paradoxe Erregungszustände und Aggressionen auftreten. Dies kann durch die gleichzeitige Applikation eines Opioids vermieden werden (Paddleford 1999b).

Quelle

Hört sich alles nicht so gut an, oder?

Besser wählt man diese Möglichkeiten:
D.A.P. Halsbänder oder ZerstäuberPheromone, die von der säugenden Hündin abgegeben werden, sollen den Hund beruhigen. Die genauere Wirkungsweise kann auf der verlinkten Seite nachgelesen werden.
Hat schon oft geholfen, hat bei Hunden, die damit jedoch keine positiven Erfahrungen verknüpfen (z.B. Tierschutzhunde mit schlechten Aufzuchtbedingungen) allerdings auch schon das Gegenteil bewirkt. Ausprobieren und gut beobachten, ich rate eher zum Zerstäuber/Duftstecker als zum Halsband, von dem sich der Hund nicht befreien kann.

L-Tryptophan
(Relaxan und Relaxan plus, Nutrikalm, Calmex usw.) ist eine essentielle Aminosäure, deren Wirkung im oben genannten Buch Neuropsychologie des Hundes genauer erklärt wird. Es gibt auch Futtermittel, die mit L-Tryptophan angereichert sind, vorzuziehen sind jedoch die Zusätze, da die Dosierung besser zu kontrollieren ist.
Auch zu erwähnen wäre α-Casozepin (Zylkene), diese beiden Futterzusätze kann man kombinieren oder eine Ernährungsumstellung vornehmen, wenn der Hund generell stressanfällig ist. Denn die Ernährung spielt bei Verhaltensproblemen durchaus eine wichtige Rolle.

Und dann wären da noch Phytopharmaka, also pflanzliche Medikamente, bewährt hat sich beispielsweise das freiverkäufliche Medikament Nervenruh und Nervenruh forte mit Baldrian, Melisse und Hopfen. Abstand sollte man von Lavendel nehmen, der für Hunde (aufgenommen) reizend ist.*

Wer homöopathischen Mitteln, Bachblüten, Schüsslersalzen oder der Aromatherapie den Vortritt lassen will, erhält bei einem ausgebildeten Heilpraktiker oder Energethiker Hilfe. Entspannungstechniken gibts auch einige und TTouch war noch immer eine gute Idee, das davon abgeleitete Thundershirt scheint auch ganz gut zu wirken.

Abschließend und am wichtigsten folgt nur noch der allgemeine Rat, Fenster und Türen gut zu schließen, Rollläden herunterzulassen, Vorhänge vorzuziehen, den Fernseher oder Musik laut aufzudrehen, einen schmackhaften Kausnack anzubieten oder dem Hund die Decke über den Kopf zu ziehen und einfach für ihn da zu sein. Früher hieß es ja immer, man solle Angst ignorieren, da man sie sonst verstärkt. Übertriebenes Mitleiden ist sicherlich kontraproduktiv in jeder Hinsicht, souverän dem Hund beistehen dagegen nicht. Diesen Text von Dr. Ute Blaschke-Berthold möchte ich euch noch mit auf den Weg geben.
Ich bin dankbar dafür, dass keiner unserer Hunde unter der Böllerei leidet. Wenn es allerdings der Fall wäre, könnte nur vorbeugendes Training wirklich helfen – also klemmt euch im Bedarfsfall rechtzeitig für das nächste Jahr dahinter, für eure Hunde!

*Edit zu Lavendel: Lavendel selbst ist für Hunde natürlich nicht „giftig“, jedoch ist von der Gabe hochdosierter Präparate mit Lavendelöl abzusehen. Nebenwirkungen bei Überdosierung, die bei einem kleinen bis mittelgroßen Hund rasch eintreten kann, sind bspw. Erbrechen, Übelkeit, Durchfall, Bauchschmerzen, Benommenheit, in schweren Fällen Krampfanfälle (Quelle). Bitte sprecht auch bei der Gabe von Phytopharmaka immer mit eurem Tierarzt oder einem anderen gut geschulten Therapeuten.

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