Tough Love: A Meditation on Dominance & Dogs

Am 29. September verstarb Dr. Sophia Yin, Tierärztin, Verhaltensbiologin, Wissenschaflerin, Trainerin, Autorin und eine von den „ganz Großen“ bei der Umsetzung von gewaltfreiem, wissenschaftsbasiertem Tiertraining. Schon wenige Stunden darauf verbreitete sich die Nachricht auf US-amerikanischen Hundeseiten, im Laufe der nächsten Tage auch auf den deutschen Seiten. Die Nachrufe auf diesen besonderen Menschen vermischten sich mit den Kommentaren der Leute, die Cesar Millans Auftritt in Salzburg entgegenfieberten bzw. den „Was für ne geile (…) Show!“-Beiträgen am Folgetag.

Dazwischen stand ich und dachte mir, in was für einer Welt wir doch leben. Die Tatsache, dass sich ein Mensch wie Sophia Yin offenbar vollkommen überraschend für Familie, Freunde und Kollegen für den Freitod entschied, war umso tragischer.
Die Frage nach dem „Warum“ stellt sich mir persönlich nicht mehr, weil ich aus Erfahrung weiß, dass es darauf keine Antwort gibt. Es bleibt eigentlich nur mehr die Dankbarkeit dafür, dass jemand sein Leben auf diese Art und Weise den Tieren gewidmet hat und dabei so viel bewegen konnte.

Eine ehemalige Mitstudentin, die im letzten Jahr am Clever Dog Lab Wien ihren Master absolvierte und dabei Sophia Yin kennenlernen durfte, postete in ihrem Nachruf dieses wunderbare Video:

Diese Doku aus dem Jahr 2012 verfolgt die Geschichte des „Alpha-Mythos“ in der Hundeerziehung von den Wurzeln (Studien an Wölfen Anfang der 1940er) bis zum heutigen Tage und erklärt die Popularität der Dominanz- und Rudelführertheorie unter Hundehaltern und professionellen Hundetrainern.
Sie ist mittlerweile Sophia Yin gewidmet, die in der Anfangssequenz darüber spricht, wie sie vom „konventionellen“ aversiven Hundetraining, welches körperliche und psychische Gewalt beinhaltet, zu einem viel effektiveren, gewaltfreien Umgang kam. Die Sequenz endet damit, dass ihr bei der Erzählung die Tränen kommen und sie um eine Pause bittet…

Damit zeigt sie etwas, das viele Hunde- und Pferdemenschen empfinden, die noch in diese „alte Schule“ hineingewachsen sind und denen vermittelt wurde, es gäbe nur einen Weg zu einem zuverlässig funktionierenden Hund/Pferd.
Sie zeigt die Reue, das Schuldempfinden, die Scham und die Trauer über das, was man dem geliebten Tier aus mehr oder weniger großer Überzeugung angetan hat.
Der Ausdruck „tough love“ beschreibt in etwa die „harte Hand“, mit der man die „erzieht“, die man eigentlich liebt und denen man damit nur Gutes will. Wir kennen das aus der Kindererziehung, auch hier glücklicherweise tendenziell eher mehr als Relikt denn als Erziehungsmethode der ersten Wahl.
Bei den Tieren ist die Entwicklung weg vom aversiven Training aber erst im Gange und vergleichsweise jung.
Mein erstes Welpenbuch von Katharina v.d.L. aus dem Jahr 1999 beinhaltet noch das am Nacken packen, zu Boden drücken oder den Welpen schütteln, das anschließende Ignorieren – alles Dinge, die man heute nicht mehr tut und die die Autorin so auch nicht mehr vertritt. Aber vor 15 Jahren war das die legitime, gebräuchliche Art der Bestrafung, wenn der Welpe irgendetwas angstellt hat.
Heute muss ein Hundeneuling all diese und ähnliche Fehler eigentlich nicht mehr machen, das Angebot an kompetenten Hundeschulen, Trainern und der entsprechenden Literatur wächst, auch gute Züchter und Tierschutzorganisationen sollten darüber Bescheid wissen und entsprechend beraten können. Denn wir Züchter oder auch wir Vermittler sind Multiplikatoren und es liegt sehr wohl auch in unserer Hand.
Und das ist ein großes Glück.
Mein Dank geht an Menschen wie jene, die man in der Doku „Tough Love: A Meditation on Dominance & Dogs“ sieht.

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