Wie die (Epi-)Genetik Angstverhalten steuern kann

Immer wieder zeigt sich in neuen Studien für aufmerksame Züchter und Hundeinteressierte, wie wichtig ein absolut „sauberes Wesen“, ein gefestigter Charakter und eine ordentliche Portion Souveränität tatsächlich in der Zucht sind. Nicht alle Studien kann ich hier veröffentlichen, aber 2 möchte ich heute gerne vorstellen.
Nr. 1 beschäftigt sich mit den Folgen von Traumata und deren Weitergabe an die Nachkommen auf der männlichen Seite – und zwar schon vor der Geburt, über die Spermien.

Traumatischer Stress hinterlässt körperliche Veränderungen nicht nur bei uns selbst, sondern auch bei unseren Nachkommen. Darauf deuten Versuche mit Mäusen hin. Wurden sie schwerem Stress ausgesetzt, zeigten selbst ihre Enkel noch ein abnormes Verhalten und einen veränderten Stoffwechsel. Vererbt werden diese Traumafolgen über kleine RNA-Schnipsel, die mit den Spermien weitergegeben werden, wie die Forscher im Fachmagazin „Nature Neuroscience“ berichten.
[…] Für ihre Studie setzten die Forscher Mäuse nach der Geburt extremem Stress aus: Sie trennten sie in willkürlichen Zeitabständen von ihrer Mutter. Nachdem diese Mäuse ausgewachsen waren, überprüften sie ihr Verhalten mit einem Satz standardisierter Tests, indem sie unter anderem ihre Reaktion auf helles Licht und offene Räumen prüften und sie in einem Becken schwimmen ließen. Das Ergebnis: Alle dem frühkindlichen Stress ausgesetzten Mäuse zeigten ein verändertes Verhalten. Sie hatten größtenteils ihre natürliche Scheu vor diesen Aufgaben verloren. […]

Anmerkung: Nun reicht offensichtlich diese allgemein als harmlos eingestufte Handlung aus, um den Welpen massiven Stress zuzufügen, gleichzeitig ist eine verminderte Scheu gegenüber neuen Situationen beim Haushund erwünscht, und manche dürften daraus voreilige Schlüsse ziehen – allerdings lohnt sich sowas nicht zu diesem Preis:

Das eigentlich Interessante aber zeigte sich beim Nachwuchs dieser Mäuse: Obwohl sie alle völlig normal und ungestresst gehalten wurden, manifestierten sich auch bei ihnen die Verhaltensauffälligkeiten. Selbst bei den Enkeln wiesen die Forscher diese Veränderungen noch nach.
Doch bei den Verhaltensänderungen blieb es nicht: Auch der Stoffwechsel der Mäuse-Nachkommen war verändert. Insulin- und Blutzuckerspiegel lagen bei ihnen niedriger als bei Jungtieren, deren Eltern und Großeltern keinen Stress erfahren hatten. Sie waren zudem trotz gleicher Nahrung deutlich schmächtiger.
[…] Als die Forscher Proben von Blut, Spermien und Gehirn der Tiere analysierten, fiel ihnen ein Ungleichgewicht von Micro-RNAs auf. Diese kurzen RNA-Moleküle sind kurze Kopien des Erbguts, die in den Zellen vor allem regulierende Aufgaben übernehmen. Sie steuern beispielsweise, wie stark bestimmte Gene abgelesen und in Proteine umgesetzt werden.
Bei den Mäusen, deren Eltern und Großeltern traumatische Erfahrungen gemacht hatten, war die Verteilung und Menge dieser Micro-RNAs anormal, wie die Forscher berichten. Von einigen existierten zu viele, von anderen zu wenig. Dadurch laufen Zellprozesse, die durch diese Micro-RNAs gesteuert werden, aus dem Ruder. […]

klick für Artikel

 

Studie Nr. 2 beschäftigt sich mit der Weitergabe von Ängsten durch die Mutter, und zwar über Gerüche.
Bei weiblichen Ratten wurde vor einer Trächtigkeit Pfefferminzduft mit Elektroschocks negativ belegt. Nach der Geburt eines Wurfes wurden die Rattenweibchen erneut mit dem Duft konfrontiert, allerdings ohne Elektroschocks. Es zeigte sich, dass die Welpen diesen Duft ebenfalls negativ belegten und Angstreaktionen die Folge waren, dies außerdem unabhängig davon, ob sich die Mutter beim Kontakt mit dem angstauslösenden Geruch im Nest befand. Bei der Rückkehr ins Nest brachte sie nämlich einen leichten Geruch nach Pfefferminz mit, zusammen mit ihrem „Angstgeruch“, was ausreichend für die Weitergabe der Ängste war.

Maternal presence was not needed for fear transmission, because an elevation of pups’ corticosterone induced by the odor of the frightened mother along with a novel peppermint odor was sufficient to produce pups’ subsequent aversion to that odor.

Die Kontrollgruppe assoziierte mit Pfefferminzduft nichts, dort zeigten sich bei den Welpen auch keine Angstreaktionen.
Untersuchungen zeigten eine Aktivität in der lateralen und basalen Amygdala, die bei Säugern wie Mensch, Maus und Hund u.a. für Angstverhalten zuständig ist. Durch medikamentöse Unterdrückung der Amygdala konnte eine Weitergabe der Ängste bei den Welpen übrigens vermieden werden.

Intergenerational transmission of emotional trauma through amygdala-dependent mother-to-infant transfer of specific fear

Ich schreibe das hier im Bewusstsein, dass manche Menschen solche Ergebnisse gerne als Begründung für irgendwelche hausgemachten Verhaltensauffälligkeiten verwenden und möchte daher gleich anbringen – macht es euch nicht zu leicht!

Eine weitere Studie zum Thema Kastration und Ängsten ist diese hier: Evaluation of the risk and age of onset of cancer and behavioral disorders in gonadectomized Vizslas

Speziell ging es neben Krebs um Gewitter-/Sturmangst und andere angstbedingte Verhaltensauffälligkeiten, wie Trennungsangst, Geräuschangst, Schussangst, Scheue, übermäßige Erregbarkeit, unterwürfiges Urinieren, Aggression, Hyperaktivität, Angstbeißen.

Untersucht wurden 2.505 Vizslas und der Zusammenhang zwischen einer Kastration und diesen Verhaltensauffälligkeiten war signifikant. Besonders deutlich und früh setzten diese Ängste bei frühkastrierten Tieren ein.
Allgemein zur Kastration möchte ich wie immer den umfassenden Artikel auf der Hauptseite empfehlen.

Zwar spielt die (Epi-)Genetik eine große Rolle beim Charakter und Verhalten eines Hundes, letztlich ist das, was der Züchter in der kurzen Anfangsphase und der neue Halter in der lange Zeit danach mit dem Hund anstellt, von wesentlich wichtigerer Bedeutung. Nicht gerade viele „Probleme“ lassen sich auf Vererbung zurückführen, wenn doch, dann sind es allerdings oft richtig üble Probleme, an denen sich auch nur sehr schwer etwas ändern lässt. Da ist dann Management angesagt.
Wir alle stoßen bei unseren Fähigkeiten und unseren Eigenschaften irgendwo an eine genetische Decke, was sich allerdings durch Training herauskitzeln lässt, ist meist absolut ausreichend bzw. sogar erstaunlich viel. Tendenziell neigen wir eher dazu, unsere Hunde maßlos zu unterschätzen, aus Unwissenheit oder Faulheit 😉 Was man tatsächlich erreichen kann, zeigt sich nur, wenn man den Versuch startet und aktiv wird.
Vorausgesetzt ist natürlich trotzdem immer, dass der Züchter einen guten Job gemacht hat – und auf den Charakter seiner Elterntiere ein objektives Auge wirft.

Edit 30.7.14: Noch ein passender Artikel von „Spektrum der Wissenschaft“, Wie die Umwelt unser Erbgut verändert – Angst im Genom

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s