Lesenswert: Abbruchsignale, Impulskontrolle und Frustrationstoleranz

… im Kontext von Mehrhundehaltung 😉

Hunde machen oft Sachen, die uns Menschen nicht wirklich passen. Vor allem, wenn sie zu mehreren in einem Haushalt leben, muss man als Mensch oft ganz schön Abstriche machen und sein Leben und das Lebensumfeld ordentlich umgestalten – das kann aber auch bereichernd sein, wie Christiane es auf ihrem Podi-Blog so schön beschreibt: Schneller Wohnen mit Hund – Absolute Leseempfehlung!
Ich kann mich noch gut erinnern, als sie „nur“ 5 Podis hatte und ich fest davon überzeugt war, dass 2 Hunde plus Pflegehund mein persönliches Limit seien 😉
Ein paar Jahre später empfinde ich Spaziergänge selbst mit 4 freilaufenden Jagdschweinen als entspannend und habe auch kein Problem mehr mit 6, was allerdings nur deshalb funktioniert, weil wir – die Hunde und ich – im Regelfall gut „funktionieren“.
(Und weil ich jemanden habe, der meinen Hundewahn vollumfänglich teilt!)
Der Weg zum funktionstüchtigen Mehrhundehaushalt ist manchmal zwar recht anstrengend, aber es gibt ein paar Werkzeuge, die allen Beteiligten das Leben erleichtern – ähnlich wie Kunstlederbetten, Latexfarbe, Saug-Wisch-Roboter und beiger Natursteinboden.
Übrigens, was für mehrere Hunde gilt, gilt natürlich genauso für Einzelprinzen und -prinzessinnen, äh, -hunde…

Also, was tun, wenn ein Hund unerwünschtes Verhalten zeigt?

Eine Zeit lang war „Ignorieren“ total in.
„Ignorier ihn, dann hört er schon von selbst auf!“, schließlich „bestätigt man den Hund, indem man ihm Aufmerksamkeit schenkt und ihn schimpft/streichelt/anspricht“.
Ignorieren hat in gewissem Ausmaß in manchen Situationen auch seine Berechtigung, aber in vielen ist es der falsche Weg und reicht nicht aus, um unerwünschtes Verhalten zu beenden. Wie man positiv mit einem Problem umgehen kann und sogar eine klare Win-win-Situation für Mensch und Hund herstellt, beschreibt dieser Artikel und sehr anschaulich das Video:

Die Verwendung von Abbruchsignalen wird sehr kontrovers diskutiert, wohl leider auch deshalb, weil sie im TV von sog. „Hundeflüsterern“ unverhältnismäßig grob, im falschen Kontext und zu häufig angewendet werden.
Individuell in der richtigen Dosis und Intensität angewendet, leisten sie jedoch einen sehr wichtig Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung. Des Hundes, wie so vieles in der Arbeit mit Hunden aber vielleicht auch für die des Menschen 😉
In diesem Interview mit Sophie Strodtbeck und Günther Bloch fallen einige wichtige Sätze, die wir Welpenmenschen ständig predigen und – tagesformabhängig – selbst versuchen umzusetzen.

Zum Interview über Abbruchsignale auf wuff.at

Insbesondere den ersten Absatz empfinde ich als sehr wichtig:

Günther Bloch, hundefarm-eifel.de
[…]Welpen kann man – überspitzt formuliert – als Egoisten bezeichnen, die den Sinn und Zweck von gegenseitiger Rücksichtnahme und Hilfestellung sowie „Fair-Play“ erst durch genaue Beobachtung, durch Nachahmung, Rollentausch und über fein aufeinander abgestimmtes Signalisieren und Angleichen unterschiedlicher Bedürfnisse lernen müssen.[…]
[…]­Abbruchsignale sind ein fester Bestandteil jeden sozialen Verständnisses. Wem die Möglichkeit verwehrt wird, Kommunikations-, Interaktions- und Spielrituale inklusive Unmutsbekundungen einüben und infolgedessen Beziehungen festigen zu können, verkommt zum bedauerns­werten „Asozialen“. ­Punktuelles Grenzen-Setzen ver­hindert Hemmungslosigkeit, ver­meidet tiefgreifende Konflikte und ernste Auseinandersetzungen. […]

Sophie Strodtbeck, einzelfelle.de
[…]Ich möchte vor allem auf die Verantwortung des Halters in der Welpen- und Junghundezeit hinweisen: Wenn ein Hund in dieser Zeit lernt, dass er durch das Befolgen eines Abbruchsignals Stress vermeiden kann, stabilisiert sich sein Stressbewältigungssystem.[…]
[…]Und das Schöne dabei ist, dass er diese Frustrationstoleranz auch verallgemeinert. Wer in der Welpen- und Junghundzeit gelernt hat, dass man nicht immer seinen eigenen Kopf durchsetzen muss, sondern gerade durch gezieltes „mal klein beigeben“ auch den sozialen Frieden erhalten und sich damit ein ruhiges Leben verschaffen kann, wird auch in ganz anderen Konflikt- und Stresssituationen ruhig und ziel­gerichtet handeln. Leider wird vielen Hunden diese Frustrationstoleranz nicht beigebracht.[…]

In diesem Zusammenhang möchte ich nochmals auf das tolle Buch von Ariane Ulrich aufmerksam machen, „Impulskontrolle: Wie Hunde sich beherrschen lernen“.
Gerade auch für Whippets, die sich leicht durch Reize erregen lassen, tendenziell stark reagieren und (damit in Zusammenhang stehend) sehr sensibel sind, ist das eine ganz wichtige Sache.
Vor allem zeigt es einem auf, wie wichtig ein vorsichtiger, durchdachter Umgang mit Reizen während der Entwicklung des jungen Hundes (besonders auch in der Pubertät!) ist und welche Auswirkungen das auf das weitere Leben und Verhalten hat. Für Hunde, die im Leistungssport geführt werden (ob Agility oder Windhundsport oder …) von so fundamentaler Bedeutung wie eine hochwertige Ernährung und das angemessene Training – schließlich sollte doch nicht nur das körperliche Wohl der Hunde immer im Vordergund stehen, sondern auch das mentale!?
Es enthält, da die Autorin nebenbei auch noch Verhaltensbiologin ist, einen guten Anteil an wissenschaftlich fundiertem Grundlagenwissen zur Neurologie, den Erregungssystemen, der Gehirnentwicklung usw., lässt aber den größten Teil für sehr praxisbezogene Schritt-für-Schritt-Anleitungen zur „Selbsthilfe“ 😉
Wer sich mal umfassend einlesen will, dem empfehle ich außerdem den Artikel „Training von Impulskontrolle“, mit einem kleinen Tipp für Mehrhundehalter.

So, und nachdem ich mein Semester mit der Prüfung gestern nun endlich fast vollständig abgeschlossen habe, gibts vielleicht bald wieder eine Auswahl Fotos aus den rund 2500, die wir in den letzten Wochen von unseren 8 Kasperln geschossen haben. Schließlich werden die B’s heute schon 6 Monate, Zeit für updates.

Zuerst gehen wir jetzt aber baden!

2 Kommentare

  1. Liebe Sabine,
    das hat mich jetzt eine Stunde gekostet – und bin noch nicht ganz durch! Aber einfach schön, wie Du die wichtigsten Dinge zusammenfaßt und auf den Punkt bringst. Danke!

    1. Oh, vielen Dank! Es freut mich sehr, dass jemand meine Ausführungen und die Links auch tatsächlich mit Interesse liest *lach*
      Bzw. das Video anschaut, denn das gefällt mir sehr, sehr gut.
      Aber bei deiner umfangreichen und informativen Seite wundert es mich nicht, dort habe ich auch schon die eine oder andere Stunde verbacht…

      Liebe Grüße und ev. bis bald in Inzing!
      Sabine

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