Gedanken zur Züchterwahl

Immer wieder taucht im Gespräch mit interessierten Menschen, in Mails oder auf diversen Plattformen im Internet die Frage auf, wie denn der „gute“ Züchter von den „schlechten“ Züchtern zu unterscheiden ist und wie man möglichst die „richtige“ Entscheidung bei der Züchterwahl trifft. Schließlich wollen die meisten Menschen keine „schwarzen Schafe“ und „Massenzüchter“ unterstützen, die ihre Zuchthunde ausbeuten und zum „Untergang der Rasse“ durch undurchdachte Zuchtplanung beitragen.

Dokumentationen wie „Pedigree Dogs Exposed“ und Aufklärungskampagnen über Welpenhändler zeigen zumindest teilweise Wirkung, Menschen denken durchaus auch mal nach und versuchen, verantwortungsvolle Handlungen zu setzen 😉
Wer Hilfe sucht, stolpert eigentlich sofort über diverse Flyer von Rassezuchtverbänden, Futtermittelherstellern, Tierschutzorganisationen oder dem BMG (pdf zum Download). Manche sind ein bisschen gefärbt, aber was geht heutzutage schon ohne Werbung… Den BMG-Folder finde ich übrigens gut gelungen 😉

Leider gibt es, wie bereits mehrfach erwähnt, auf der anderen Seite eine Entwicklung, die vielen Liebhabern der Rasse Whippet Kopfzerbrechen bereitet, nämlich die drastisch gestiegenen Wurfzahlen, die mittlerweile regelmäßig anzutreffenden Kleinanzeigen mit „günstigen“ Welpen ohne Papiere (aus sog. Schwarzzuchten) oder mit Papieren von Nicht-FCI-Vereinen (ehem. als Dissidenz bezeichnet), die vielen Whippets in Notvermittlungen und immer wieder die entlaufenen und, teilweise aus Unkenntnis über rassetypisches Verhalten, verunfallten Whippets. Auch die Gesundheit der Rasse steht auf dem Spiel, längst ist nicht mehr alles so rosig wie gerne dargestellt.

Die Verantwortung für das Wohl einer Rasse sehe ich zu einem großen Teil auch beim Käufer, er muss dort kaufen, wo Qualität vor Quantität geht, so eigenartig sich das leider anhört, wenn man von Lebewesen spricht.

Denn nur eine gesunde, vorzüglich ernährte, ausgewachsene und wesensfeste Hündin mit vollem Familienanschluss, die bei einem Züchter lebt, der so wenige Hündinnen und so wenige Würfe hat, dass er sich voll und ganz auf den einen Wurf und die Mutter konzentrieren kann, wird Welpen hervorbringen können, die ebenfalls gesund, wesensfest und menschenbezogen sind und sich gut entwickeln.

Wer einen Züchter sucht, sollte sich also genau informieren und hartnäckig hinterfragen. Denn der Ansatz, einen Welpen von einem Züchter zu kaufen, der sich einem Zucht- und Rassestandard unterwirft, ist zwar ausgesprochen lobenswert, jedoch nur die halbe Miete.
Die jeweilige Zuchtordnung der Vereine innerhalb der FCI gibt einen Rahmen vor, der allerdings sehr weit gesteckt ist und Mindestanforderungen bzw. höchstzulässige Wurfzahlen, Höchstalter der Hündin usw. sind oft als genau das zu verstehen – Minimum und Maximum, aber nicht das Ideal.
Hinzu kommt, dass auch die FCI und ihre angeschlossenen Landesverbände mit den einzelnen Rasseclubs nur Vereine sind, in denen es quasi naturgegeben ganz schön menschelt und (siehe eben bspw. „Pedigree Dogs Exposed“) nicht immer das Wohl der Hunde an erster Stelle steht.

Als Orientierung kann man sich (und dem Züchter) folgende Fragen stellen:

  • Wie viele Würfe fallen pro Jahr in der Zuchtstätte? Ein Wurf bedeutet 3-4 Monate 24h/7d Betreuung und viel, viel Nachsorge 😉 Einige Zuchtverbände (z.B. Eurasier) beschränken daher auf 1-2 Würfe pro Jahr/Zuchstätte, um optimale Betreuung zu sichern.
  • Wie viele Hunde leben im Haushalt und wo? Haus, Garten, Zwinger, aber auch Zimmerkennel, Hunderaum etc.
  • Ist Familienanschluss möglich und gegeben, auch für die Welpen, um eine optimale Sozialisierung zu gewährleisten? Geht der Züchter regelmäßig spazieren und lastet die Hunde rassegerecht aus, macht er vielleicht Sport, haben die Hunde Prüfungen abgelegt oder gar Arbeitstitel (Stichwort „Multi Purpose Whippet“ z.B. im WCD) erlangt? Whippets sind Jagdgebrauchshunde und werden zum Teil noch so geführt (England, Irland, Australien, USA, …), es sind keine anspruchslosen Sofahunde, auch nicht die „Showlinien“!
  • Welche Gesundheitsuntersuchungen wurden gemacht und warum? Noch ist der Whippet eine relativ gesunde Rasse, aber das soll ja auch so bleiben. Welche Krankheiten hatten die Mutter, der Vater, die Großeltern, die sonstigen Verwandten? Wie sieht es bei diesen mit Titeln, Prüfungen, sportlichem Einsatz, Untersuchungen aus? Sind von ihnen einige vielleicht früh gestorben und warum?
  • Wie viele Würfe trägt eine Hündin aus und welcher Abstand liegt zwischen den Würfen? Laut Zuchtordnung der einzelnen Vereine dürfen es 4-5 sein und je nach Wurfstärke müssen 12 bis 18 Monate zwischen zwei Würfen liegen. In meinen Augen und nach meiner Erfahrung sollten einer Hündin in jedem Fall zumindest diese 18 Monate zugestanden werden, das sind ca. 2 Läufigkeiten ohne Bedeckung, da Whippets zu längeren Zyklen neigen (unsere Hündinnen liegen zwischen 8 und 11 Monaten). Jährlich die selbe Hündin zu decken, bis sie mit spätestens 8 Jahren aus der Zucht ausscheidet, ist definitiv nicht seriös.
  • Wie alt war die Hündin beim 1. Wurf? Laut Zuchtordnung (ÖKWZR und WCD, DWZRV) müssen Whippets und Italienische Windspiele als kleinere Windhundrassen mindestens 18 Monate bei ihrem ersten Zuchteinsatz sein. Für alle anderen Rassen liegt das Mindestalter bei 24 Monaten. Bedenkt man, dass der Whippet ein Spätentwickler ist und viele Hündinnen erst mit 15-20 Monaten geschlechtsreif werden (sprich die 1. Läufigkeit erleben) und weitere 2-3 Läufigkeiten benötigen, um körperlich und geistig auszureifen, so sollte auch jedem Laien klar sein, dass eine Belegung bei der 1. Läufigkeit einen Nachteil für die noch nicht fertig entwickelte Hündin und deren Welpen darstellt. Allerdings darf die Mutterhündin auch nicht zu alt werden, bleibt sie bis zum 6. Lebensjahr jungfräulich, darf sie danach aus gesundheitlichen Gründen (z.B. mögliche Komplikationen bei der Geburt) nicht mehr gedeckt werden. Ein weiteres wichtiges Argument für eine spätere Erstbelegung ist auch, dass die Hündin sich ja erst als „zuchtwürdig“ erweisen sollte. Gesundheit, Wesen, Leistungsfähigkeit, das mit Blick auf Geschwister, Halbgeschwister, Eltern – ein zu früher Zuchteinsatz lässt das alles oft zwangsweise unberücksichtigt. Für Rüden gilt dieser letzte Punkt ebenfalls und richtig erwachsen sind sie erst mit 3-4 Jahren, das wird auch auf Ausstellungen und im Sport entsprechend berücksichtigt.
  • Welchen Deckrüden nimmt der Züchter und warum? Wie oft wird dieser eingesetzt und wo?
  • Wie hoch ist der COI und AVK? Beim Whippet kann man den Inzuchtkoeffizienten (COI) und den Ahnenverlust leicht im TWA kontrollieren, bzw. sollte ein Züchter diese Angaben gleich bei der Planung mitveröffentlichen. COI und AVK sollten möglichst niedrig liegen, der COI idealerweise unter 6,25% auf 10 Generationen (bei Interesse empfehlenswert: div. Publikationen von Prof. Dr. Hellmuth Wachtel und Prof. Dr. med. vet. Irene Sommerfeld-Stur, Tierzucht und Genetik, Uni Wien). Auch für die allgemeine Recherche eignet sich das TWA perfekt, z.B. finden sich dort sehr viele (hier exemplarisch alle unsere) Hunde mit vielen wichtigen Angaben wie Geburtsdatum, Sterbedatum, Titeln, Lizenzen, Größe, Gewicht, Nachkommen, … Einfach über „Persons“ oder „Dogs“ den gewünschten Zwinger oder Hund suchen.
  • Wie ernährt der Züchter die Hunde und Welpen? Wenn Züchter bspw. Discounterfutter verteidigen, weil es ja so gut bei Stiftung Warentest abgeschnitten hat, dann haben sie offenkundig keine Ahnung von Hundeernährung 😉
  • Wie impft und entwurmt der Züchter die Welpen und warum macht er das so wie er es eben macht?
  • Naja, und klar, wie ist der Umgang mit den Hunden? Vorne hui, hinten pfui? Man sieht und lernt of die erstaunlichsten Dinge, wenn man nur mit offenen Augen durch die Welt geht… Auf Hörensagen sollte man allerdings weniger geben, lieber sich selbst ein Bild machen und handfeste Fakten überprüfen.

Die Überlegung, was für einen selbst gute Hundehaltung ausmacht und welche Kriterien ein Züchter persönlich erfüllen sollte, ist dabei also sehr wichtig.
Es dauert so vielleicht länger, bis man seinen Züchter gefunden hat, aber es lohnt sich wirklich. Schließlich gehört der Hund dann hoffentlich viele Jahre zur Familie und als Käufer hat man es in der Hand, wie mit den Zuchthunden umgegangen wird.

Aber Vorsicht beim Kennenlernen, wenn in der Zuchtstätte gerade Welpen herumkullern, wird es schwer fallen abzulehnen, selbst wenn die Voraussetzungen nicht wirklich den eigenen Vorstellungen entsprechen 😉 Idealerweise lernt man daher die Mutter (Eltern, Großeltern und andere Verwandte) und das Umfeld vor dem Wurf kennen.

Nachtrag: Die überarbeitete Version findet sich auf der Hauptseite unter http://www.lobito-azul.at/welpen/augen-auf/

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6 Kommentare

      1. Trifft genau das Wesentliche, danke!
        Besonders gefreut hat mich, dass Du als Beispiel für einen Titel den „Multi Purpose Whippet (WCD)“ erwähnst. Der vielseitige Whippet, der in allen Hundesportarten erfolgreich sein kann , d.h. nicht nur schön oder schnell, sondern auch intelligent.

  1. Witzig, daß ausgerechnet der WCD diesen Titel erfunden hat, war man dort doch lange, lange Jahre gegen Renn- oder Coursingsport. Andernorts heißt das immer schon und immer noch „Champion für Schönheit und Leistung“ (Ch S&L) 😉 .

    1. Der WCD-Titel „Multi Purpose Whippet“ hat abosult nichts dem Titel „Champion für Schönheit und Leistung“zu tun.
      Er fordert nämlich wesentlich mehr Leistung. Es müssen nicht nur in zwei, sondern in drei Disziplinen überdurchschnittliche Leistungen gezeigt werden. Also nicht nur Rennen und Show, oder Coursing und Show, sondern z.B. Rennen, Coursing und Show.
      Oder ganz was Neues: Rennen, Begleithundeprüfung und Agiltiy. Oder Rennen, Show, Begleithundeprüfung und Agility.

      1. @Ingrid: Ich habe ihn bewusst aufgeführt, weil er so kontrovers diskutiert wurde/wird.

        Ich mag den Titel „Multi Purpose Whippet“, finde ihn sinnig und habe auch noch nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich Whippets genau wegen dieser Vielseitigkeit gewählt habe.
        Es musste ein Windhund sein, weil ich Windhunden einfach gnadenlos verfallen bin, die Galgos aber eben doch ein ganz anderes Kaliber sind und für mich nicht „alltagstauglich“ waren (mittlerweile glücklicherweise schon, also schau ma mal ;)), war der logische Schritt der Whippet. Ich wollte Hunde für den Hundesport, Windhundsport stand da alles andere als im Vordergrund, aufgehetzt durch andere Tierschützer war ich sogar ziemlich skeptisch und eher abgeneigt. Daher fiel meine Wahl auf eine Züchterin, die mit ihren Whippets und Windspielen erfolgreich Unterordnung und Agility betreibt, mittlerweile auch longiert, Dummytraining anbietet usw. Und auch Vivid als Silken Windsprite kam mit dem Hintergedanken ins Haus, einen Hund für den Freizeitsport zu haben.
        Dass ich dann mehr in Richtung Therapiehundeausbildung (die 3-tägige Abschlussprüfung haben sie ja problemlos bestanden und das gilt in meinen Augen mehr als eine BH) gegangen bin und Agi letztlich nur antrainiert habe (wobei sie spitze waren!), macht eigentlich gar nichts, denn sie lassen sich so einfach auch anderweitig einsetzen und sind für jeden Blödsinn zu haben. Und auch für viele ernsthafte Tätigkeiten, bei denen sie sich konzentrieren und mitdenken müssen.
        Dass durch Titel wie den oben genannten Wesen, Charakter und Optik des Whippets verfallen, kann ich mir kaum vorstellen und sehe ich auch nicht so 😉 Wurde ja häufig diskutiert.
        Mir machts auch überhaupt nichts aus, wenn meine Welpen nicht im Windhundsport geführt werden, Hauptsache sie haben Menschen mit Hundeverstand, die überhaupt etwas mit ihnen arbeiten und sie geistig und körperlich auslasten. Klar wünsche ich mir Lizenzen für meine Welpen (und meine Rate liegt nicht schlecht bisher ;)), aber lieber jemand, der weiß, dass der Whippet ein Arbeitshund ist und mit ihm regelmäßig gemeinsam Sport macht, als jemand, der ihn 1-2x monatlich auf die Bahn oder zum Coursing schleift und ansonsten auf der Couch, unterm Bürotisch, im Garten und an der Leine versauern lässt. Oder ungehemmt jagen lässt („Meiner würd nie was tun, der ist so sanft!“ oder „Das hat er in den Genen!“), bis er dann eines Tages von einer seiner Runden nicht mehr zurückkommt…
        Und sind wir uns doch ehrlich, auch (oder vielleicht sogar gerade?!) unter den Windhundleuten gibt es viele Menschen, die von Hunden und deren Bedürfnissen genau gar nichts verstehen. Sich gerne darauf ausreden, dass ein Windhund ja zur Selbständigkeit gezüchtet wurde und somit nichts lernen kann und muss. Da finde ich es gut, wenn man zeigt, dass es auch anders geht und dass der Whippet auch abseits der Rennbahn leistungsfähig ist. Für ein erfülltes Leben sogar sein muss.
        Richtig wäre es, Windhundsport und „Teamsport“ zu verbinden, so wie Iris zu Recht immer wieder predigt: Erst BH, dann Lizenz 😉

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